Aufführung im Bandhaus: Vom Sinn der Bedeutung

Das Ensemble der Jungen Bürgerbühne Backnang brilliert im Bandhaus-Theater mit einer Sinnsuche ganz eigener Art. Es geht um den jungen Pierre Anthon, der die Schule mit den Worten „Nichts bedeutet irgendetwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun“ verlässt.

Mitschüler Pierre Anthon, der vom Pflaumenbaum (er sitzt auf dem Geländer hinter dem Publikum) aus mit seiner nihilistischen Ansicht provoziert und lästert.

© Tobias Sellmaier

Mitschüler Pierre Anthon, der vom Pflaumenbaum (er sitzt auf dem Geländer hinter dem Publikum) aus mit seiner nihilistischen Ansicht provoziert und lästert.

Von Simone Schneider-Seebeck

Backnang. Der Duden definiert „Bedeutung“ unter anderem als „Sinn, der in Handlungen, Gegebenheiten, Dingen, Erscheinungen liegt“. Doch was, wenn Handlungen, Gegebenheiten, Dinge und Erscheinungen ohne jeden Sinn sind? Wer definiert überhaupt, was Sinn oder Bedeutung sind?

Ein ausgesprochen philosophisches Thema also, dessen sich die Junge Backnanger Bürgerbühne unter der Regie von Jakob Dambacher-Walesch mit dem Bühnenstück „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ nach dem Roman der dänischen Schriftstellerin Janne Teller angenommen hat.

Das Bühnenbild von Anne Sorvat ist schlicht, aber wirkungsvoll. Lange Holzlatten umschließen die Bühne im Halbkreis, hübsch drapierte Sägen weisen auf den Hauptspielort hin, einige Hocker dienen nicht nur als Sitzgelegenheit.

Fast alle der jungen Schauspieler spielen mehrere Rollen, bis auf Hannah Unger als Agnes und Marek Hilgarth als Pierre Anthon. Die Darstellung ist bemerkenswert. Denn es werden nicht nur Dialoge gesprochen, sondern die komplette Erzählung wird abwechselnd rezitiert. Interpretationsspielraum für die Handlung bleibt somit keiner. Aber das ist auch nicht notwendig. Denn die Geschichte an sich besitzt genug Tiefgründigkeit, um sich damit tagelang zu befassen.

In dem Stück geht es um einen Schüler, der seine Klassenkameraden schockiert

Pierre Anthon verlässt mit den Worten „Nichts bedeutet irgendetwas. Das habe ich heute herausgefunden“ das Klassenzimmer und lässt seine Mitschüler aus der 7. Klasse vollkommen ratlos zurück. Er zieht sich auf einen Pflaumenbaum zurück – dargestellt durch einen Hocker in der letzten Reihe des Publikums – und fortan dreht sich bei ihm alles nur noch um ein Thema: „Gibt es etwas, für das es sich lohnt, zu leben?“

Die Klassenkameraden sind entsetzt und wollen ihn vom Baum zurückholen. Für sie ist es selbstverständlich, dass das Leben eine Bedeutung hat. Doch Pierre Anthon schleudert ihnen nur entgegen: „Fürchtet ihr euch vor dem Nichts?“ Er lässt sich nicht beirren, auch wenn die anderen Kinder sich die unterschiedlichsten Wege überlegen, ihn von seinem Pflaumenbaum herunterzuholen – verprügeln, beten, mit Steinen werfen.

Dass hier Welten aufeinanderprallen, zeigt die Mimik der jungen Darstellerinnen und Darsteller vortrefflich. Während der junge Nihilist mit an sich einleuchtender Argumentationskette und vor allem recht emotionslos darlegt, warum nichts eine Bedeutung hat, spiegelt sich in den Gesichtern der anderen die Wut. Wie kann er sich davon überzeugen lassen, dass seine Ansicht falsch ist? Und so kommt die Idee auf, dass jeder aus der Gruppe etwas für ihn Bedeutendes opfern soll, um zu beweisen, dass es eben doch Dinge mit Bedeutung gibt.

Die Grenzüberschreitungen der Schüler steigern sich immer weiter. Auch vor Grabschändung schreiten sie nicht zurück. Die Schauspieler der Jungen Bürgerbühne Backnang begeistern die Zuschauer mit dem Stück „Nichts. Was im Leben wichtig ist“. Fotos: Tobias Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Die Grenzüberschreitungen der Schüler steigern sich immer weiter. Auch vor Grabschändung schreiten sie nicht zurück. Die Schauspieler der Jungen Bürgerbühne Backnang begeistern die Zuschauer mit dem Stück „Nichts. Was im Leben wichtig ist“. Fotos: Tobias Sellmaier

Weitere Themen

Im alten Sägewerk entsteht so der Berg aus Bedeutung. Doch bald wird den Kindern klar, dass diese Gegenstände, eine kaputte Puppe, eine Beatles-Kassette ohne Ton, ein Gesangbuch mit fehlenden Seiten eben doch alles Sachen sind, die im Grunde keinerlei Bedeutung für ihre Besitzer haben.

Da gibt es ganz anderes. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Ein jeder bestimmt für einen anderen, was dieser opfern soll, um einen Beweis für die tatsächlich existierende Bedeutung zu liefern. Es beginnt mit einem Fußball, einer Angel, Büchern. Und schließlich nähert man sich einer Grenze, an die man vorher noch gar nicht zu denken wagte. Ein Hamster findet seinen Platz auf dem Berg aus Bedeutung und mit ihm verändert sich etwas. Man bekommt den Eindruck, dass die Gegenstände, die nun geopfert werden sollen, nicht nur dem Besitzer einiges abverlangen, sondern auch etwas kompensieren sollen bei demjenigen, der das Opfer vorschlägt.

Eine Grenzüberschreitung folgt der nächsten

Immer drastischere Vorschlägen kommen, werden diskutiert, zum Teil zunächst abgelehnt, finden dann schließlich doch ihren Weg auf den Berg aus Bedeutung. Eine Grenzüberschreitung folgt der nächsten, man schreckt nicht zurück vor Grabschändung, Kirchenraub, Tod und Verstümmelung. Doch bevor Pierre Anthon den Berg zu Gesicht bekommen kann, macht die Polizei dem Ganzen ein Ende. Die Geschichte, deren Hintergrund die Erwachsenen jedoch nicht verstehen, wird weltbekannt und zieht Konsequenzen nach sich.

Mit aller Gewalt – im wahrsten Sinne des Wortes – suchen die Mitschüler Pierre Anthon von ihrer Sicht der Dinge zu überzeugen. Dabei überschreiten sie Grenzen, von denen sie vorher vermutlich nicht einmal zu träumen gewagt hatten. Ist es das wert, einen Einzelnen von der Mehrheitsmeinung zu überzeugen? Warum staut sich solch eine Wut auf? Und hat Pierre Anthon am Ende womöglich vielleicht doch recht?

Sophie (Charlotte Maier) versucht, ihrem Lehrer zu erklären, warum sie das alles getan haben. Es gehe um „die Bedeutung. Sie haben uns ja nichts dazu beigebracht. Da haben wir sie selbst gefunden.“ Wirklich?

Für die mitreißende und überzeugende Darstellung gab es am Premierenabend lang anhaltenden und verdienten Applaus.

Vorstellungen Am Samstag, 8. Juni, um 20 Uhr sowie am Sonntag, 9. Juni, um 17 Uhr gibt es noch die Gelegenheit, selbst herauszufinden, wie es um die Bedeutung steht.

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Erstellt:
21. Mai 2024, 06:00 Uhr

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