Was ein Ast und Liz Taylor gemein haben

Der Ludwigsburger Künstler Jörg Mandernach stellt in der Galerie Backnang aus. Er zeigt vielschichtige Kunstwerke, die zu einem zweiten, dritten und vierten Blick einladen.

Jörg Mandernach zeigt unter anderem ein Mobile aus Scherenschnitten in Backnang.

© Alexander Becher

Jörg Mandernach zeigt unter anderem ein Mobile aus Scherenschnitten in Backnang.

Von Simone Schneider-Seebeck

Backnang. Betritt man die Galerie, fällt es sofort ins Auge – das gewaltige Mobile, das den gotischen Chor ausfüllt. Gemächlich bewegen sich die Scherenschnitte, einige Objekte kreisen, andere schwingen. Sie werfen sich ständig ändernde Schatten an die Wand. Und der Betrachter schaut ein zweites Mal hin und fragt sich: Hat man es sich nun eingebildet oder bewegen sich diese Schatten tatsächlich? Dem flüchtigen Blick entgeht vieles, nur dem, der genau hinschaut, erschließt sich die Raffinesse der, jawohl, zwei Installationen. Nicht nur das Mobile, das perfekt in diesen hohen, fast unendlich erscheinenden Raum passt. Sondern auch der Projektor, der einen Scherenschnittfilm auf die weiße Fläche projiziert. Genau hinschauen, das ist ein roter Faden, der sich durch die Ausstellung „Don Rosas Schlaf ist unser Wandel“ mit Werken von Jörg Mandernach zieht.

Auf den ersten Blick mögen die Exponate ein wildes Sammelsurium sein, die nichts miteinander gemein haben. Doch das täuscht. Da ist einmal das Grafische – Formen, Linien, die in fast allen Werken erkennbar sind, manchmal erst bei genauem Hinsehen. Motive tauchen überraschend in anderen (Kunst-)Formen wieder auf.

So etwa Scherenschnitte, die sich im obersten Ausstellungsraum wiederum in einem Film entdecken lassen, in dem die Figuren gewissermaßen organisch von einer in die andere übergehen. Der Wahlwürttemberger Mandernach erfreut sich am Zufall. Doch dominieren darf er nicht. „Ich habe die Grundidee, es passiert dann viel während des Machens“, sagt er. Er entwickelt die Ideen weiter, die ihm das Material zuspielt, bewahrt sich eine gewisse Spontaneität. So ist er sehr erfreut, als ihm beim geruhsamen Aufziehen des Mobiles im gotischen Chor auffällt, dass er selbst, oder vielmehr sein Schatten, sich zu den anderen Schatten gesellt hat. Dreimal Formen, die aus unterschiedlichen Quellen stammen, die sich für kurze Zeit, unwiederbringlich, miteinander verbinden. Auf den Seiten alter Buchhaltungsbücher sind gezeichnete Figuren aufgedruckt. „Sie tragen viele Facetten in sich“, so Mandernach. Hybride Figuren, teils Mensch, teils Tier, oder auch teils Mann, teils Frau. Galerieleiter Martin Schick weist auf die vielfältigen Assoziationsschichten der Werke hin. Gern arbeitet der Künstler mit Scherenschnitten. Sie bieten die Möglichkeit, „prägnant zu formulieren“, die Linie wird im Papierschnitt gewissermaßen selbst zum Objekt. Die Gesichter, die er hier ausgearbeitet hat, kommen bekannt vor. Elizabeth Taylor, Marlon Brando, Syd Barrett. Umgeben sind sie von Linien, Formen, Buchstaben, wie ein Code, den es zu entschlüsseln gilt. Im ersten Stock darf der geneigte Kunstinteressent einen Blick auf den Fundus des Künstlers werfen. Vier Vitrinen voll unterschiedlicher Gegenstände. Worin könnten nur die Gemeinsamkeiten der Gegenstände in den Glaskästen liegen? Dabei gibt es keine falschen Fährten. Es ist alles Interpretationssache des Einzelnen. „Assoziationssplitter“ nennt Mandernach die Objekte, Papiere, Fotos. Fasziniert ist er beispielsweise von Ästen: Sie seien „perfekte dreidimensionale Gegenstände“. Und schaut man sich um, findet man nicht nur verschiedene davon in den Vitrinen, sondern auch als Teil einer Videoinstallation. Wieder ist genaues Hinschauen gefragt, die kleinen Projektoren im Archivraum fallen zunächst gar nicht auf.

Ein wiederkehrendes Thema ist der Wandel, die Veränderung. Zu sehen durch das Wort „mutabor“ in der Sammlung – „ich werde verwandelt werden“. Die Werke an sich sind ein Inbild des Wandels. So beispielsweise die sogenannten „Hybridcollagen“. Digitale und analoge Techniken werden hier kombiniert, zeigen die Veränderung, die den neuen und alten Methoden innewohnt. Verschiedene Medien greifen ineinander, Film, Zeichnung und Objekt finden sich mindestens in trauter Zweisamkeit auf den drei Stockwerken. Das Mobile ist durch die ständige Bewegung einer Veränderung unterworfen, in den kurzen Filmen verändern sich die Objekte permanent. Wer länger schaut, sieht mehr. Diese Ausstellung ist nichts für Eilige. Die Vernissage der Werkschau am heutigen Freitag beginnt um 20 Uhr. Die Ausstellung ist jedoch mit „Soft Opening“ bereits ab 17 Uhr zugänglich. Seine Werke werden bis zum 22. Februar dort zu sehen sein.

Jörg Mandernach (Ludwigsburg),
zu seiner künstlerischen Herangehensweise „Ich habe die Grundidee, es passiert dann viel während des Machens.“
Vielfalt in Technik und Ausdrucksform prägen seine Werke. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Vielfalt in Technik und Ausdrucksform prägen seine Werke. Fotos: A. Becher

Papier und Druck

Begleitprogramm in der Galerie Backnang im kommenden Jahr:

Samstag, 22. Januar 2022, 10 bis 13 Uhr: „Papierwerkstatt“, Kunstaktion für Kinder von sechs bis elf Jahren, mit Barbara Kastin (maximal sieben Teilnehmer), Eintritt: zwölf Euro inklusive Material, Anmeldung bis 20. Januar

Samstag, 5. Februar 2022, 10 bis 12.30 Uhr und 13.30 bis 16 Uhr: „Workshop Drucken“, Kunstaktion für Jugendliche von 12 bis 18 Jahren, mit Barbara Kastin (maximal acht Teilnehmer), Eintritt: 24 Euro inklusive Material, Anmeldung bis 3. Februar

Anmeldungen unter Telefonnummer 07191/894477 oder per E-Mail an
galerie-der-stadt@backnang.de

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Erstellt:
10. Dezember 2021, 11:30 Uhr

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