SWR Symphonieorchester
Was François-Xavier Roth in dieser Saison vorhat
Zweite Chance. Der neue Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters stellt das breit gefächerte Programm seiner nächster Saison vor.
© SWR/Wolf-Peter Steinheisser
Dirigent François-Xavier Roth hat mit seinem SWR Symphonieorchester viel vor.
Von Jürgen Kanold
Auch „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss wird François-Xavier Roth mit seinem SWR Symphonieorchester im Herbst aufführen – auf Gastspielreise zudem in der Kölner Philharmonie. In der Domstadt also, wo der Franzose 2024 mit einer #MeToo-Affäre für Schlagzeilen gesorgt hatte, wo er als Generalmusikdirektor abtreten musste, weil er sexuelle SMS und Bilder an Musikerinnen verschickte. Der Südwestrundfunk aber hat an ihm als Chefdirigenten und Nachfolger von Teodor Currentzis festgehalten, gab Roth eine zweite Chance. Mit dieser Hypothek dirigiert der 56-Jährige aktuell seine erste Saison – und hat dafür vergangene Woche in Stuttgart, im Funkstudio Berg, das Programm für die kommende Spielzeit 2026/2027 vorgestellt.
Vergangenheit soll kein Thema mehr sein
Es wird eine Weile dauern, bis alle Schwaben „Ein Heldenleben“ mit Roth ohne „Gschmäckle“ hören werden, aber offiziell ist seine Vergangenheit kein Thema mehr. Vor seinem Amtsantritt hatte ein Drittel der Musikerinnen und Musiker die Entscheidung des Senders kritisiert, an ihm als Chef festzuhalten. Jetzt sitzt die Geigerin Uta Terjung aus dem Orchestervorstand quasi als Kronzeugin beim Pressegespräch dabei und erklärt, dass „die Vorgänge in den Hintergrund getreten“ seien. Sie erzählt beglückt von einer Aufführung von Beethovens 7. Sinfonie unter Roth und einer großer Vorfreude auf die nächsten Aufgaben: etwa auf Werke Joseph Haydns. „Total ungewohnt für uns. Spannend.“
Es waren nach der Orchesterfusion eher monströse, spätromantische Sinfonien etwa von Mahler angesagt gewesen, um den Riesenapparat zu beschäftigen, wie Sabrina Haane erzählt, die Gesamtleiterin des SWR Symphonieorchesters. Mittlerweile betrage die Kopfzahl 135, nahe dran an der Zielstärke von 119. So rückt die Wiener Klassik näher ins Blickfeld. Andererseits bleiben die Stuttgarter international gefragt für Neue Musik: Roth selbst wird das Abschlusskonzert der Donaueschinger Musiktage 2026 dirigieren. Oder auch im März 2027 mit dem SWR Symphonieorchester in der Hamburger Elbphilharmonie zu Gast sein: mit Luigi Nonos epochalem „Prometeo“.
Das ist die Bandbreite. So lobt François-Xavier Roth sein Orchester auch über den grünen Klee: bewundert dessen Qualität, das breite Repertoire, die Flexibilität, den Wunsch, „tief“ die Werke zu proben. Im Programmbuch fällt der Begriff „Everything-is-possible-Orchester“. Es herrsche „die beste Atmosphäre“. Roth spricht von einem fortwährenden „Festival-Gefühl“ bei der Arbeit.
Prominente Gäste, vielfältige Konzerte und Ideen zur Vermittlung
Alors, was bietet die Saison 2026/2027? Fünf Abo-Konzerte in der Stuttgarter Liederhalle übernimmt Roth selbst, er beginnt am 17./18. September wieder barock, mit der Suite aus Rameaus Oper „Les Indes galantes“. Dazu Haydns „Harmoniemesse“, aber auch die Uraufführung eines Cellokonzerts von Francesca Verunelli mit Nicolas Altstaedt.
Am 5./6. November folgt die Uraufführung „Oracle“ für Violine und Orchester von Philippe Manoury (mit Isabelle Faust) und Strauss’ „Heldenleben“ – nur gut zwei Wochen zuvor startet der neue Generalmusikdirektor der Staatsoper, Nicholas Carter, ebenfalls mit dieser sinfonischen Dichtung die Konzerte des Staatsorchesters.
„Der Bär“, „Die Henne“: Mit zwei Haydn-Sinfonien und York Höllers Viola-Konzert (mit Tabea Zimmermann) setzt Roth seine Stuttgarter-Abo-Konzerte am 14./15. Januar fort. Am 18./19. Februar widmet er sich im Beethoven-Jahr 2027 einem „Himalaya der Musik“: der Missa solemnis. Zum Ende der Saison dirigiert Roth am 22./23. Juli „ein Feuerwerk an Klangfarben“: Werke von Chabrier, Debussy, auch Manuel de Fallas „Noches en los jardines de España“ (mit der Pianistin Elena Bashkirova) und Ravels „Boléro“.
Auch Oper nimmt sich Roth vor, Wagners „Fliegenden Holländer“ bei den Pfingstfestspielen in Baden-Baden; dort dirigiert er zudem Martin Matalons Musik zu „Metropolis“ von Fritz Lang: Live-Kino.
Es ist ein enorm vielfältiges Programm des SWR Symphonieorchesters: prominente Gäste, diverse Formate. Und mit vielen Ideen der Musikvermittlung. Diese ist ein großes Anliegen des SWR Symphonieorchesters: Es gibt nicht nur Konzerte für Kinder und Familien, sondern auch für Senioren oder Menschen mit Demenz und deren Angehörige sowie inklusive Angebote. Bei „U26-Konzerten“ erhalten Menschen unter 26 Jahren kostenlosen Eintritt. Beim Mitmachprojekt „Boléro united“ lädt Chefdirigent Roth das Publikum ein, zu Ravels „Boléro“ neue Klänge beizusteuern.
Es bleibt die Sorge um den Publikumsnachwuchs. Aber schon aktuell spüre man bei der Kartennachfrage die Wirtschaftskrise in Stuttgart und der Region. Wobei Roth und Haane betonen: Ein neues, zeitgemäßes, attraktives Konzerthaus müsse endlich gebaut werden.
SWR Symphonieorchester Das ganze Programm gibt es im Netz unter: SWR.de/so .
