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Zerstörende Paragrafen

Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ an der WLB Esslingen

Theater - Ödön von Horváths „Glaube, Liebe, Hoffnung“ hat in Esslingen Premiere gefeiert.

Ihr Blick verrät Angst. „Was schauen’s mich so an?“, fragt Elisabeth den Polizisten Alfons. „Sie erinnern mich an meine tote Braut“, gesteht er. Gerne würde er der Frierenden seinen Mantel geben. Wäre es nicht der Amtsfrack eines Staatsbediensteten: „Pflicht ist Pflicht!“ Worauf sie sagt: „Ordnung muss sein“, und er ergänzt: „Ordnung und Sicherheit.“ Damit ist alles gesagt. Vor fast 90 Jahren hat Ödön von Horváth den Dialog geschrieben: 1932 erschien sein „Glaube Liebe Hoffnung. Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern“, um 1936 wurde es in Wien uraufgeführt. Darin beschrieb er den gigantischen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft.

Dieses „ewige Schlachten, bei dem es zu keinem Frieden kommen soll – höchstens, dass mal ein Individuum für einige Monate die Illusion des Waffenstillstands genießt“, so Horváth, hatte nun in der Württembergischen Landesbühne Esslingen Premiere. Alexander Müller-Elmau inszenierte die Geschichte der Elisabeth, die dem Teufelskreis der kleinen Paragrafen nicht entkommt. Sie kann sich die 150 Mark für den nötigen Wandergewerbeschein nicht leisten, arbeitet ohne, wird zu einer Geldbuße verurteilt. Den Betrag borgt sie sich von ihrer Chefin und versucht ihre Leiche an das Anatomische Institut zu verkaufen, um Strafe und Schein zu bezahlen. Für letzteren leiht ihr der „herzensgute“ Anatomie-Präparator Geld. Als Elisabeths Vorstrafe herauskommt, landet sie 14 Tage wegen „Betrugs“ im Gefängnis. Danach, obwohl sie stets „ihr eigener Herr sein“ wollte, kommt sie doch an den Mann – Alfons. Sie verschweigt dem Karrieristen, der „abhängige Frauen“ besonders schätzt, dass sie vorbestraft ist – das gefährdet seinen Beruf. Und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Wie „kleine Paragrafen“ Leben zerstören, die Leute zum Taktieren treiben, das erfuhr von Horváth vom Gerichtsreporter Lukas Kristl, dem die Unmenschlichkeit nahe ging. Regisseur Müller-Elmaus Bühnenbild ist passend klinisch: Riesenleuchtröhre, Metallschrage – vor goldener Rettungsfolie, hinter Vorhang aus Plastikplanen. Das mitunter surreal anmutende Spiel seiner Protagonisten (überzeugend als Elisabeth: Kristin Göpfert) verstärkt die Atmosphäre der Bedrohung – und zeigt, dass Horváth stets aktuell ist. Die Inszenierung stellt die richtigen Fragen. Wie viele Regeln braucht eine soziale Gemeinschaft zum Zusammenleben? Und wie verhindert man, dass sich jemand dahinter versteckt, nur um keine angemessene Entscheidung treffen und damit auf humane Art Verantwortung übernehmen zu müssen? Was sagt Elisabeth ob Alfons Pflichtgesäusel? „Das seh’ ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss, weil halt die Menschen keine Menschen sind – aber es könnt doch auch ein bisschen weniger ungerecht zugehen.“

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Erstellt:
8. April 2019, 06:06 Uhr

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