Biovergärung: Aus Abfall entstehen Strom und Wärme

Energiewende vor der Haustür (5) Die Biovergärungsanlage der AWRM in Backnang-Neuschöntal verwertet Bioabfall aus dem Kreis und gewinnt daraus Energie. Der Strom der Anlage deckt den Jahresbedarf von etwa 3000 Haushalten.

2019 wurde die Anlage in Neuschöntal um den neuen Flüssigdünger- und Biogasspeicher erweitert. Fotos: Alexander Becher

© Alexander Becher

2019 wurde die Anlage in Neuschöntal um den neuen Flüssigdünger- und Biogasspeicher erweitert. Fotos: Alexander Becher

Von Lorena Greppo

Backnang. Das Prinzip ist ganz einfach: Aus Biomüll werden Gas, Flüssigdünger und Kompost gewonnen. Das Gas wiederum wird verbrannt, daraus werden Strom und Wärme gewonnen. So funktioniert in Kurzform die Biovergärungsanlage der Abfallwirtschaft Rems-Murr (AWRM) in Backnang-Neuschöntal. Dahinter stecken allerdings ein ausgeklügeltes Konzept, allerlei Technik und viele verschiedene Arbeitsschritte – das zeigt ein Rundgang über das Gelände schnell.

Seit 2011 ist die Biovergärungsanlage im Betrieb. Sechs Personen arbeiten hier in wochenweise wechselnder Bereitschaft, denn die Anlage läuft rund um die Uhr. Aller Bioabfall, der im Rems-Murr-Kreis in die braune Tonne geworfen wird, landet hier. „Das sind etwa 36000 Tonnen im Jahr“, erklärt AWRM-Technikvorstand Lutz Bühle. Hinzu kommt Grünschnitt, der macht laut AWRM etwa 2000 Tonnen aus. Über die Jahre gesehen sei die Masse relativ gleichbleibend. Als in Coronazeiten Menschen vermehrt Homeoffice gemacht haben, habe man jedoch einen Anstieg gemerkt.

Technikvorstand Lutz Bühle zeigt, wie die beiden Blockheizkraftwerke auf der Anlage funktionieren.

© Alexander Becher

Technikvorstand Lutz Bühle zeigt, wie die beiden Blockheizkraftwerke auf der Anlage funktionieren.

In mehreren Schritten werden Störstoffe wie Metall und Kunststoff entfernt

„Wir freuen uns über jedes zusätzliche Kilo“, sagt Bühle. Denn in der Anlage erfülle es einen sinnvollen Zweck. Bundesweit sei etwa ein Drittel dessen, was im Restmüll landet, eigentlich Bioabfall. Insofern gebe es auch noch Potenzial für mehr. In Bezug auf die Anlagenleistung gebe es auch noch ein bisschen Luft nach oben, so Lutz Bühle. Die Kampagnen der AWRM zur richtigen Mülltrennung machten sich bemerkbar, berichtet der Technikvorstand erfreut: „Wir sehen, dass das ankommt.“

Doch wie wird aus dem Abfall in der braunen Tonne Energie gewonnen? Erst einmal kommt alles in einen Schredder und durchläuft eine erste Sortierung. Hier werden beispielsweise Metallstücke entfernt. Ein Blick in den Container offenbart, was häufig (zum Teil wohl versehentlich) in der braunen Tonne landet: Rebscheren, Konservenbüchsen, Sprühdosen, Besteck und Drähte. Durch eine erst Siebung werden auch Störstoffe abgetrennt. „Vor allem sind es Kunststoffe“, erklärt Lutz Bühle. In Kürze geht an dieser Stelle auch ein Windsichter in Betrieb. Mit einem Luftstrom werden dann leichtere Partikel wie Folienreste aus der Masse entfernt. Übrigens: Auch Folienbeutel die als „biologisch abbaubar“ gekennzeichnet sind, dürfen im Rems-Murr-Kreis nicht in die Biotonne. „Die haben sehr lange Abbauzeiten“, erklärt Lutz Bühle. „Mit unserer Anlage ist das nicht zu realisieren.“ Empfohlen seien Papiertüten oder Zeitungspapier.

In Zeiten eines höheren Bedarfs kann mehr Gas verbrannt werden

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Der nächste Schritt ist der Fermenter und hier geht es erst richtig los in Sachen Vergärung. Hierbei handelt es sich um zwei große Röhren, in die die Abfallmasse gestopft wird. In der Mitte befinden sich Wellen mit Paddeln, die das Material ständig durchmischen. Unter Luftverschluss und bei warmen Temperaturen kommen hier Mikroben zum Einsatz, die das Biogas erzeugen (siehe Infotext). Das Gas kann in dieser Form noch nicht genutzt werden, denn es enthält Schwefelwasserstoff. Dieser würde die Motoren schädigen, so Lutz Bühle. Deshalb muss das Gas erst gefiltert werden, bevor es verbrannt werden kann.

Die zwei Blockheizkraftwerke verfügen zusammen über eine Nennleistung von 2760 Kilowatt (elektrische Leistung). Nicht immer laufen beide gleichzeitig. Der große Vorteil von Biogas in Neuschöntal ist, dass es auf dem Gelände gespeichert werden kann, 2019 wurde ein neuer Speicher gebaut. So kann in Zeiten höherer Nachfrage mehr Gas verbrannt und somit mehr Strom produziert werden. „Wir können also auch dann verstromen, wenn keine Sonne scheint und kein Wind weht“, hebt Lutz Bühle die Vorteile hervor.

Im Fermenter wird der Abfall ständig durchmischt. Hier kommen Mikroben zum Einsatz, die das Biogas erzeugen.

© Alexander Becher

Im Fermenter wird der Abfall ständig durchmischt. Hier kommen Mikroben zum Einsatz, die das Biogas erzeugen.

Was nach dem Aufenthalt im Fermenter an stofflichem Material übrig bleibt, wird übrigens auch genutzt. Die Masse sieht ein wenig nach Matsch aus und kommt in eine Entwässerungspresse. Der Flüssiggärrest ist sehr nährstoffhaltig und wird auf den Feldern der Region als Dünger eingesetzt. Das feste Material wird kompostiert und erneut gesiebt. Der so entstandene Gütekompost wird unter anderem auch auf der Deponie in Steinbach an Nutzerinnen und Nutzer für den Garten- und Landschaftsbau abgegeben. „Es ist ein sehr beliebtes Produkt, die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem“, berichtet Lutz Bühle. Auch der Kompost nährt also Pflanzen, die in Form von Bioabfall zum Teil wiederum in der Biovergärungsanlage in Neuschöntal landen: „Damit schließt sich der Kreis.“

Technische Daten und Mengen

Technische Daten Der Abbau der Bioabfälle erfolgt in zwei Fermentern mit je 1600 Kubikmetern Volumen bei rund 55 Grad Celsius. Etwa 14 Tagen dauert der Prozess. Die Masse wird dabei ständig gerührt. Das so entstandene Biogas wird über eine biologische Entschwefelung und einen Aktivkohlefilter gereinigt, bei Bedarf den Blockheizkraftwerken zugeführt und dort verbrannt.

Energieerzeugung Im Jahr erzeugt die Anlage etwa zehn Millionen Kilowattstunden an elektrischer Energie durch Biogas. Gut zehn Prozent davon kommen dem Eigenverbrauch der Anlage zugute, der Rest wird ins Netz eingespeist. Dies entspricht dem Jahresbedarf von bis zu 3000 Haushalten. Das Abwärmepotenzial liegt laut AWRM bei etwa 7,5 Millionen Kilowattstunden im Jahr, damit könnten etwa 500 Haushalte versorgt werden. Bis 2021 wurde die Abwärme für die Trocknung des Klärschlamms des Stadt Backnang verwendet (wir berichteten). Allerdings funktioniert dies nicht wie erhofft, seit drei Jahren ist der Großteil also ungenutzt. Um dies zu ändern, arbeiten AWRM und Stadtwerke Backnang an einem Fernwärmekonzept. Vor allem die Zweigstelle des Landratsamts in der Erbstetter Straße sowie das Berufsschulzentrum sollen angeschlossen werden.

Mengen Etwa 36000 Tonnen Bioabfall und 2000 Tonnen Grünschnitt aus dem gesamten Rems-Murr-Kreis werden jährlich nach Neuschöntal geliefert. Nach der Vergärung werden daraus 27000 Tonnen Flüssigdünger gewonnen, aus der Restmasse werden 5300 Tonnen Kompost produziert.

Geruchsfilter Abfall, Vergärung, Flüssigdünger – all das verursacht unangenehme Gerüche, sollte man meinen. Damit die Geruchsemissionen möglichst gering sind, wird die Abluft des Gärguts erfasst. Mithilfe einer „sauren“ Wäsche und eines Biofilters werden ihr geruchsintensive Stoffe, allen voran Ammoniak, entzogen.

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Erstellt:
20. April 2024, 06:00 Uhr

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