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Babykleidung im Kampf gegen Fast Fashion

Beate Kirchherr, Inhaberin des Ladens Ammersee in Backnang ,spricht sich gegen die herkömmliche Produktion von Kleidung aus

Fast Fashion ist eine Millionenindustrie und wird täglich von Konsumenten gefördert. Das allerdings auf Kosten von Arbeitern und Umwelt. Beate Kirchherr produziert nachhaltige Baby- und Kleinkinderkleidung – im Kampf gegen die großen Textilunternehmen.

Beate Kirchherr in ihrem Kleider- und Stoffladen „Ammersee“. Sie setzt sich für einen bewussten Umgang mit Mode ein. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Beate Kirchherr in ihrem Kleider- und Stoffladen „Ammersee“. Sie setzt sich für einen bewussten Umgang mit Mode ein. Foto: A. Becher

Von Hannah Krämer

BACKNANG. Eine starke Umweltbelastung und schlechte Arbeitsbedingungen: Sogenannte „Fast Fashion“ vereint beides. Jährlich werden in Europa um die sechs Millionen Tonnen an Kleidung entsorgt und dabei meist verbrannt, so eine Untersuchung der Umweltschutzorganisation Greenpeace zu diesem Thema. Laut dem Internetportal „Zentrum der Gesundheit“ werden in der Textilindustrie jährlich 1,2 Billionen Tonnen an CO2 freigesetzt. Die Emission ist höher als die des internationalen Flugverkehrs und der internationalen Schifffahrt zusammen. Fast Fashion bedeutet Wegwerfkleidung. Kleidung, die meist von großen Unternehmen schnell und billig unter schlechten Bedingungen produziert wird. Kleidung von schlechter Qualität. Sie ist nicht dafür konzipiert, lange zu halten, denn die großen Unternehmen präsentieren alle zwei Wochen eine neue Kollektion. Fast Fashion ist das Konzept von billiger Wegwerfkleidung, welche die Massenkonsumierung von Mode zum Leiden anderer bewirbt.

Beate Kirchherr spricht sich gegen das Konzept der Wegwerfmode aus. 2015 gründete sie den „Ammersee Kids“-Laden für Bio-, Baby- und Kleinkindermode in Backnang. Betritt man den kleinen Laden in der Stuttgarter Straße, bekommt man sofort ein heimisches Gefühl. Die bunten Kleider und Stoffe umgeben die Kunden und der Laden ist erfüllt von Lachen und freudigen Stimmen.

Jeder Einzelne kann durch bewusstes Einkaufen ein Zeichen setzen

Doch Kirchherrs Beschäftigung mit dem Thema Fast Fashion begann schon vor dem kleinen Laden in Backnang. Die 50-Jährige hat mit dem Nähen bereits angefangen, als ihre Kinder selbst noch klein waren und ihr die Kindermode damals einfach nicht gefallen hat. Sie startete mit einer Freundin einen kleinen Schuhladen am Ammersee, für den sie die handgenähten Kleider lieferte. Zusätzlich war sie auf der Online-Do-it-yourself-Plattform„Dawanda“ sehr aktiv und baute sich so eine eigene Plattform für ihre selbst genähten Produkte auf. Inzwischen ist sie komplett auf Bio-Stoffe umgestiegen, ihre Stoffe sind zudem alle durch das GOTS-Siegel („Global Organic Textile Standard“) zertifiziert. Das Siegel garantiert die höchsten Standards in der Textilbranche. Die ganze Produktionskette der Baumwolle wird kontrolliert. Zusätzlich zu der Bio-Baumwolle verwendet sie auch Wolle. Gegen Kunstfaser spricht sie sich aus, diese sei als einzige Ausnahme in der Form von Elastan in den Bündchen ihrer Kleider zu finden. So ist es Kirchherr möglich, sichere Arbeitsbedingungen und bessere Umweltbedingungen zu garantieren.

Denn die normale Kleidungsproduktion ist sehr ressourcenschädlich. „Um die Massen an Kleidung für den Markt zu produzieren, wird sehr viel Wasser benötigt“, erklärt Kirchherr. Meist findet diese Herstellung zudem in Ländern wie China und Indien statt, in denen schon unabhängig von der Textilindustrie eine Wasserknappheit herrscht. Ein weiteres Problem ist die Verschmutzung der Flüsse durch den Färbeprozess, was zu verheerenden Krankheiten führen kann. Auch Chemikalien wie Bleichmittel und Weich macher findet man in der Kleidung wieder. Diese können sich beim Herstellungsprozess und auch beim Waschen in der Waschmaschine aus der Kleidung loslösen. So gelangen sie in das Abwasser und dadurch auf unsere Äcker. Das führt zu einer Verschmutzung des Grundwassers und dazu, dass man diese Chemikalien in Lebensmitteln wiederfinden kann. Besteht ein Kleidungsstück aus einer Form von Polyester, kann man zusätzlich zu den Chemikalien auch Mikroplastik im Abwasser finden.

In Beate Kirchherrs Laden kann man sich auch über das Konzept des Kleiderkreisels und der „Capsule Wardrobe“ informieren. Kleiderkreisel bedeutet, dass Kunden ihre alte Kleidung unter der Voraussetzung, dass sie aus Bio-Materialien besteht, zurückgeben können und diese dann wieder verkauft werden. Kirchherr hat außerdem ein Baukastensystem im Konzept der „Capsule Wardrobe“ entwickelt. So hat sie sieben Schnitte für Kleidung angefertigt, welche über das ganze Jahr in verschiedenen Variationen getragen werden können.

Die Schritte zur Slow Fashion müssen laut Kirchherr nicht von heute auf morgen passieren. „Es fängt damit an, dass der Verbraucher sich mit dem Thema und den Auswirkungen befasst. Es geht um ein bewusstes Konsumieren. Man sollte sich fünfmal fragen, ob man dieses Kleidungstück wirklich braucht und ob man es auch in jeder Saison tragen und kombinieren kann“, sagt sie. Auch die Politik sollte stärkere Regulierungen in der Textilbranche schaffen und den Druck auf große Unternehmen zum Beispiel durch die CO2-Steuer erhöhen, so Kirchherr.

Doch jeder Einzelne kann durch ein bewusstes Einkaufen ein Zeichen setzen und statt zwei nur eine Jeans kaufen oder in Second-Hand-Läden gehen, die gerade für Schüler eine sehr günstige und umweltschonende Option sind. Das Abwenden von Fast Fashion erfordert keine Perfektion, sondern beginnt mit jedem kleinen Schritt.

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Erstellt:
28. Februar 2020, 06:00 Uhr

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