Backnanger Notfallpraxis wird geschlossen

Die Kassenärztliche Vereinigung will die Einrichtungen in Backnang und Schorndorf schließen und stattdessen ihre Praxis am Klinikum in Winnenden ausbauen. Sie begründet dies mit dem Ärztemangel. OB Friedrich und Landrat Sigel kritisieren die Entscheidung.

In der Backnanger Notfallpraxis werden Patienten abends und an den Wochenenden versorgt.

© Tobias Sellmaier

In der Backnanger Notfallpraxis werden Patienten abends und an den Wochenenden versorgt.

Von Kornelius Fritz

Backnang. Die Nachricht, dass die Backnanger Notfallpraxis im Gesundheitszentrum an der Stuttgarter Straße ihre Öffnungszeiten reduziert, hatte im vergangenen Oktober für Wirbel gesorgt. Nun ist klar: Es kommt noch schlimmer. Wie die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg in einem Brief an Landrat Richard Sigel, die Oberbürgermeister und Abgeordneten mitteilt, soll der ärztliche Bereitschaftsdienst im Rems-Murr-Kreis am Standort Winnenden konzentriert werden. Die Notfallpraxen versorgen abends und an den Wochenenden Patienten mit akuten Beschwerden. Im Rems-Murr-Kreis gab es bisher drei davon. Doch die Notfallpraxis in Schorndorf, die bereits im Oktober zunächst vorübergehend geschlossen wurde, soll nicht wieder öffnen. „Langfristig werden wir auch auf den Standort Backnang verzichten und dafür den Dienst in Winnenden stärken“, teilt die KV mit.

Sie begründet diesen Schritt damit, dass immer weniger Ärztinnen und Ärzte für Bereitschaftsdienste zur Verfügung stehen. So seien im Rems-Murr-Kreis aktuell 40 Hausarztsitze nicht besetzt. Man könne das bisherige Angebot daher auf Dauer nicht aufrechterhalten. Verschärft wurde die personelle Notlage durch ein Urteil des Bundessozialgerichts. Die Richter hatten im vergangenen Oktober entschieden, dass sogenannte Poolärzte sozialversicherungspflichtig sind. Dabei handelte es sich um Mediziner, oft Ruheständler, die gegen Honorar Bereitschaftsdienste in den Notfallpraxen übernommen hatten. Nach dem Urteil hätten die Poolärzte fest angestellt werden müssen. Das war für die KV nicht finanzierbar, weshalb sie die Zusammenarbeit mit den Honorarkräften beendete.

Ärztesprecher sieht die Fehler bei der Politik

Jens Steinat, der als Vorsitzender der Ärzteschaft Backnang in den Entscheidungsprozess eingebunden war, verteidigt die geplante Schließung der beiden Notfallpraxen. „Das ist eine Entscheidung für eine leistungsfähige Notfallversorgung“, sagt der Allgemeinmediziner aus Oppenweiler. Er hält es für sinnvoll, die Notfallbehandlung an einem Standort zu konzentrieren und dafür biete sich das Klinikum in Winnenden an. Dort habe man eine bessere Infrastruktur und könne das sogenannte Eintresenmodell umsetzen. Gemeint ist damit ein gemeinsamer Empfang von Notfallpraxis und Notaufnahme. Vor Ort wird dann entschieden, ob ein Patient in der Klinik behandelt werden muss oder ob die Behandlung durch einen niedergelassenen Arzt ausreicht.

Trotzdem bedauert Steinat das Aus für die Backnanger Notfallpraxis: „Ich bin selbst traurig darüber.“ Allerdings dürfe man nicht die Ärzte dafür verantwortlich machen. Die Fehler sieht er in der Politik, die bis jetzt keine Antworten auf den zunehmenden Ärztemangel gefunden habe. „Es kann nicht sein, dass andere eine 35-Stunden-Woche fordern, aber wir Ärzte sollen 60 Stunden pro Woche arbeiten.“

Ein Problem sieht Steinat aber auch darin, dass viele Menschen wegen Lappalien in die Notfallpraxen kommen. Den Anteil der echten medizinischen Notfälle beziffert er auf höchstens zehn Prozent. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung sieht man deshalb auch Chancen in der sogenannten Telemedizin. „Eine große Zahl der Anfragen könnte auch durch eine Videositzung beantwortet werden“, heißt es im Schreiben der KV. Man wolle daher das telemedizinische Angebot ausbauen.

Wann genau die Backnanger Notfallpraxis geschlossen wird, steht aktuell noch nicht fest. Zunächst muss laut Steinat die Winnender Notfallpraxis erweitert werden, damit dort künftig bis zu drei Mediziner gleichzeitig arbeiten können. Steinat schätzt, dass das bis zu eineinhalb Jahre dauern kann. Solange bleibe die Backnanger Praxis noch in Betrieb.

Landrat Sigel hält die Entscheidung für gewagt

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In der Kommunalpolitik stößt die Entscheidung der Kassenärztlichen Vereinigung auf wenig Verständnis. Backnangs Oberbürgermeister Maximilian Friedrich spricht von einem „herben Verlust für die lokale Gesundheitsversorgung“. In einem Brief an die KV erinnert er daran, dass die Errichtung der Notfallpraxis ein Kompromiss gewesen sei, „den wir nach der Schließung unserer örtlichen Klinik eingegangen sind, um die dringend notwendige Notfallversorgung in unserem Mittelbereich zu gewährleisten“.

Für den Ärztemangel in der Region macht Friedrich die KV mitverantwortlich. „Angesichts der Tatsache, dass im Rems-Murr-Kreis ganze 40 Arztsitze unbesetzt sind, müssen wir uns ernsthaft fragen, welche Schritte seitens der KV unternommen werden, um dieser prekären Situation entgegenzuwirken“.

Auch Landrat Richard Sigel und Klinik-Geschäftsführer André Mertel üben deutliche Kritik. „Ich halte es mit Blick auf eine gute medizinische Versorgung für gewagt, davon auszugehen, dass für 433.000 Menschen eine einzige Notfallpraxis, wenn auch mit verstärkter Besetzung, ausreichen wird“, erklärt der Landrat. Er fordert die KV auf, ihre konzeptionellen Überlegungen mit Zahlen und Daten zu hinterlegen.

Mertel befürchtet, dass die Schließung der zwei Notfallpraxen zu einem weiteren Anstieg der Patientenzahlen in den Notaufnahmen des Klinikums führen wird. So sind die Fallzahlen in Schorndorf seit der Schließung der dortigen Notfallpraxis um 30 Prozent gestiegen. „Das ist eine nicht dauerhaft tragbare Mehrbelastung für unsere Mitarbeitenden“, so der Klinikchef.

Die CDU-Bundestagsabgeordneten Inge Gräßle (Backnang/Schwäbisch Gmünd) und Christina Stumpp (Waiblingen) beklagen, dass sie vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. Ihre Forderung: „Wir appellieren mit Nachdruck an die KVBW, ihre Pläne zusammen mit dem Landratsamt, den Stadtverwaltungen und der niedergelassenen Ärzteschaft erneut zu beraten und Lösungen zur Sicherstellung einer wohnortnahen Notfallversorgung zu erarbeiten.“

Kommentar
Ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt

Von Kornelius Fritz

In Backnang werden Erinnerungen wach: Genau zehn Jahre nach der Schließung des Krankenhauses soll nun auch die Notfallpraxis geschlossen werden. Dabei war diese damals extra hier angesiedelt worden, um den Schmerz über den Verlust der Klinik ein wenig zu mildern. Die beiden Entscheidungen sind aber nicht miteinander zu vergleichen. Beim Krankenhaus ging es um eine politische Weichenstellung, das bevorstehende Aus für die Notfallpraxis ist hingegen der puren Not geschuldet. Die Kassenärztliche Vereinigung hat schlicht zu wenig Mediziner, um alle Bereitschaftsdienste zu besetzen. Der Ärztemangel wird nun für jedermann spürbar. Aber das ist erst der Anfang. Mehr als die Hälfte der niedergelassenen Hausärzte in Backnang ist älter als 60 Jahre. Wenn sich überhaupt eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger findet, sind diese meist nicht bereit, dasselbe Arbeitspensum wie ihre Vorgänger zu leisten.

Man muss daher kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass sich die Probleme in den kommenden Jahren noch verschärfen werden. Die medizinische Versorgung vor Ort ist in akuter Gefahr. Die Schließung der Notfallpraxis ist nur der Vorgeschmack.

k.fritz@bkz.de

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Erstellt:
26. März 2024, 17:54 Uhr
Aktualisiert:
26. März 2024, 21:25 Uhr

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