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Bessere Hilfe für Opfer von Vergewaltigungen

Rems-Murr-Kreis nimmt am Projekt„Soforthilfe nach Vergewaltigung“ teil – Opfer können sich vertraulich bei den Rems-Murr-Kliniken melden

Eine Vergewaltigung ist traumatisch Und in rund 80 Prozent der Fälle sind Frauen die Opfer sexualisierter Gewalt. Der Rems-Murr-Kreis bietet ihnen durch ein neues Projekt schnellere Hilfe, bessere medizinische Versorgung und Spurensicherung – auch wenn die Opfer nicht sofort Anzeige erstatten möchten.

Bessere Hilfe für Opfer von Vergewaltigungen

© zdyma4 - stock.adobe.com

Von Silke Latzel

WAIBLINGEN/WINNENDEN. Elf Prozent aller Frauen unter 18 Jahren in Deutschland sind schon Opfer sexualisierter Gewalt geworden. Und nur jedes fünfte Sexualdelikt wird angezeigt. Oft spielen Angst und Scham dabei eine Rolle. Deshalb suchen die Opfer häufig keine Hilfe. Entschließen sie sich später doch dazu, Anzeige zu erstatten, sind die Beweise, die durch eine sofortige medizinische Untersuchung gesichert werden können, bereits nicht mehr vorhanden.

Diese Lücke wird nun geschlossen: Der Rems-Murr-Kreis nimmt als Modellregion am Projekt „Soforthilfe nach Vergewaltigung“ teil. „Das Thema gewinnt an Bedeutung und wir nehmen es sehr ernst“, sagt Landrat Richard Sigel. Deshalb hat der Sozialausschuss des Kreistags das Projekt bereits im November 2018 auf den Weg gebracht, gestern – am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen – wurde es vorgestellt. Entstanden ist es durch eine Kooperation der Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt, des Kreisjugendamts, den Rems-Murr-Kliniken, der Kriminalpolizei Waiblingen und der Beauftragten für Chancengleichheit im Landratsamt.

Nicht jede Frau möchte eine Vergewaltigung oder andere Arten sexueller Gewalt direkt bei der Polizei anzeigen. Die Hemmschwelle, sich langen und oftmals sehr expliziten und somit auch unangenehmen Fragen zu stellen, ist für viele Frauen ein Grund, das Verbrechen gar nicht erst zu melden. Finden sie nach den traumatischen Ereignissen endlich Kraft und Mut, sich damit auseinanderzusetzen, ist es für eine Spurensicherung allerdings oft zu spät – diese sollte in den ersten drei Tagen nach der Tat durchgeführt werden.

Spuren werden ein Jahr im Institut für Rechtsmedizin aufbewahrt

Ein weiteres Hindernis: Bislang müssen Betroffene die Kosten einer vertraulichen Spurensicherung vielerorts selbst übernehmen. Geht es nach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), sollen die Krankenkassen künftig die Kosten für die Spurensicherung erstatten – auch dann, wenn die Opfer vorher nicht bei der Polizei Anzeige erstattet haben. Der Rems-Murr-Kreis ist mit seinem Projekt jetzt schon einen Schritt weiter, die Kosten für die Spurensicherung übernimmt der Landkreis. Zum offiziellen Start des Projekts läuft eine Plakatkampagne an Bahnhöfen im Rems-Murr-Kreis an. Außerdem werden Arztpraxen, Jugendeinrichtungen und Beratungsstellen über das neue Angebot informiert. Das Projekt kostet den Kreis im Startjahr etwa 10500 Euro, in den folgenden Jahren je 7000 Euro.

„Den Anstoß für das Projekt hat eigentlich der Fall einer 16-Jährigen gegeben, die mit ihrer Mutter in die Rems-Murr-Kliniken kam, weil sie den Verdacht hatte, man habe ihr K.-o.-Tropfen gegeben und sie danach sexuell missbraucht. Sie wollte keine Anzeige erstatten, sondern sich nur untersuchen lassen. Und das war damals einfach nicht möglich. Für uns war das ein Anstoß zu sagen, dass man etwas anders machen muss und dass manche Fälle besser gelöst werden können, wenn man es für die Opfer einfacher macht“, so Kriminalhauptkommissar Uwe Belz, zuständig für den Arbeitsbereich Jugendkriminalität und Sexualstraftaten bei der Kriminalpolizei Waiblingen.

In der Praxis können die Opfer ab sofort selbst entscheiden, ob sie nur medizinische Hilfe in Anspruch nehmen wollen, oder auch die Polizei informiert werden soll – eine Anzeige über den Kopf des Opfers hinweg erfolgt in keinem Fall, es gilt immer die ärztliche Schweigepflicht. Besonders wichtig: Es muss nicht sofort in der Klinik entschieden werden, den Täter anzuzeigen. Stefanie Grüneklee, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, erklärt: „Kommt ein Opfer zu uns in die Klinik, wird es zielgerichtet in die Gynäkologie gebracht und dort untersucht. Es bleibt dem Opfer selbst überlassen, ob es nur eine medizinische Versorgung wünscht oder auch eine Spurensicherung durchgeführt werden soll. Die Spuren kommen dann nach Heidelberg ins Institut für Rechtsmedizin und werden dort ein Jahr lang aufbewahrt, für den Fall, dass das Opfer zu einem späteren Zeitpunkt noch Anzeige bei der Polizei erstatten möchte.“ Für die psychologische Betreuung wird das Opfer dann weitervermittelt – Mädchen und Jungen bis 21 Jahre an die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt, Frauen und Männer ab 21 Jahren an die Flügel-Initiative von Pro Familia.

Durch spezielle Schulungen sind die Ärzte der Rems-Murr-Kliniken Winnenden darauf vorbereitet, die Opfer, die zu ihnen kommen, richtig zu betreuen. „Wir hatten beispielsweise im Vorfeld auch Rechtsmediziner und Kriminaltechniker hier, die uns auf ganz spezielle Dinge aufmerksam gemacht haben, die zu beachten sind. Oder wir haben zum Beispiel auch geübt, wie man Beweisfotos macht, damit sie, wenn der Fall vor Gericht kommt, dort auch Bestand haben“, so Grüneklee. Auch die Dokumentation und der Anamnesebogen seien so angelegt, dass die Ärzte sie mithilfe von Formulierungshilfen richtig ausfüllen können. „Das ist wirklich eine große Hilfe für uns und somit vor Gericht auch für das Opfer“, sagt die Ärztin.

„Wir gehen nicht davon aus, dass sich jetzt durch dieses Projekt Hunderte Frauen bei uns melden. Wir rechnen mit Zahlen im zweistelligen Bereich“, sagt Oranna Keller-Mannschreck von Pro Familia. „Aber es ist wichtig, dass wir den Opfern, die sich melden, Sicherheit geben, und dass sie wissen, dass es diese Anlaufstelle gibt.“

Info
Frankfurter Modell

Die Grundlagen für das Modell „Soforthilfe nach Vergewaltigung“ sind nicht im Rems-Murr-Kreis entstanden, sondern vom sogenannten Frankfurter Modell übernommen. Dieses gibt es seit 2013 in Frankfurt am Main und ist dort sehr erfolgreich.

In Baden-Württemberg arbeiten bislang nur die Städte Heilbronn und Pforzheim mit dem Frankfurter Modell. Auch Kommunen in Hessen und Rheinland-Pfalz haben es übernommen.

Weitere Informationen gibt es online unter www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de.

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Erstellt:
26. November 2019, 06:00 Uhr

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