Der Stern von Bethlehem

Heute sind sich Saturn und Jupiter so nah wie seit fast 400 Jahren nicht mehr. Die beiden Himmelskörper leuchten dann besonders hell. Vielleicht ließen sich die Weisen aus dem Morgenland von einem solchen Phänomen leiten.

Im Jahr 7 vor Christus kam die sogenannte große Konjunktion dreimal vor – erkennbar durch besonders helles Leuchten der beiden angenäherten Himmelskörper. War das das Licht, das die Weisen zur Krippe führte? Ewald Müller hat sich mit dem Thema intensiv beschäftigt. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Im Jahr 7 vor Christus kam die sogenannte große Konjunktion dreimal vor – erkennbar durch besonders helles Leuchten der beiden angenäherten Himmelskörper. War das das Licht, das die Weisen zur Krippe führte? Ewald Müller hat sich mit dem Thema intensiv beschäftigt. Foto: A. Becher

Von Simone Schneider-Seebeck

AUENWALD. Vor etwa 25 Jahren berichtete Ewald Müller als Dozent der Backnanger Volkshochschule, an der er seit 30 Jahren Vorträge und Seminare zum Thema Astronomie hält, zum ersten Mal über ein ganz besonderes Phänomen: die große Konjunktion von Saturn und Jupiter, die in dieser sehr seltenen Form auch am heutigen 21. Dezember wieder zu sehen ist. Die Planeten haben eine unterschiedlich lange Umlaufzeit um die Sonne. Dass sich Jupiter und Saturn auf ihrer jeweiligen Umlaufbahn relativ nahe kommen, geschieht etwa alle 20 Jahre und wird als Konjunktion bezeichnet.

Bei dieser besonderen Konstellation jedoch kommt die Erde mit ins Spiel. Sie überholt durch ihre kürzere Umlaufzeit die beiden äußeren Planeten. Dadurch sieht es für den Beobachter auf der Erde so aus, als würden Letztere eine Schleife ziehen. Wenn nun zwei Planeten gerade nahe zueinander stehen, also eine Konjunktion bilden, und dabei zusammen von der Erde überholt werden, „beschreiben beide von der Erde überholten Planeten eine Schleifenbahn ineinander“, erklärt Ewald Müller. Etwa alle 200 Jahre findet eine solche Dreifachbegegnung über mehrere Sternbilder hinweg statt, alle 854 Jahre geschieht das sogar innerhalb eines Sternbilds. So geschehen am 27. Mai, am 28. September und auch am 5. Dezember im Jahr 7 vor Christus. Da wanderten Saturn und Jupiter durch das Sternbild Fische und kamen sich dabei sehr nahe. Die Folge einer großen Konjunktion? Ein außergewöhnliches Strahlen am Himmel.

Hobbyastronom Müller begründet das so: „Die Sonne beleuchtet nicht nur die beiden angenäherten Planeten, sondern auch interplanetaren Staub. Nach Sonnenuntergang sieht man am Westhorizont einen schmalen Lichtkegel.“ Das würde auch mit der Darstellung in der Bibel übereinstimmen, wie Müller erläutert: Als die Weisen von König Herodes, also aus Jerusalem, Richtung Bethlehem wandern, reisen sie zunächst südwärts, dann Richtung Südwesten. Wie sich nachrechnen lässt, war die erwähnte Jupiter-Saturn-Konstellation Anfang Dezember in südlicher Richtung zu sehen und drehte sich dann aufgrund der Erddrehung Richtung Westen. Wie Matthäus beschreibt: Der Stern zog ihnen voran.

Heutzutage ist das helle Licht aber nicht mehr so gut zu sehen. Das liegt an der verschmutzten Atmosphäre. Zudem ist es – besonders um die Städte herum – einfach zu hell. Gut sichtbar ist das Phänomen, genannt Zodiakallicht, jedoch im Gebirge. Schon seit einigen Monaten kann man die Annäherung zwischen den beiden Planeten beobachten. Bereits kurz nach Sonnenuntergang sieht man Jupiter im Südwesten hell leuchten, ein Stück weiter links oben ist Saturn, jedoch weniger leuchtend, zu sehen. Heute sind sich die beiden so nahe, dass sie für das Auge miteinander verschmelzen. So nahe wie an diesem Tag waren sich die beiden Planeten zuletzt vor etwa 400 Jahren. Die beste Zeit, um das Himmelsphänomen am südwestlichen Horizont zu beobachten, ist zwischen Sonnenuntergang und vor 18 Uhr.

Bereits als Schüler hat Ewald Müller, ehemaliger Lehrer für Mathematik und Physik am Max-Born-Gymnasium Backnang, seine Liebe für die Astronomie entdeckt. Während andere ihre Zeit lieber auf Partys verbrachten, beobachtete er mit seinem Physiklehrer und Gleichgesinnten Sterne und Planeten. „Das war ein Traum. Es war dunkel, wir waren auf dem Schuldach. Jeder durfte gucken“, schwärmt der passionierte Sterngucker. Dabei musste das Teleskop noch manuell bedient werden – gar nicht so einfach, das Objekt der Beobachtung kontinuierlich im Blick zu haben. Während des Studiums in Aachen zog ihn dann vor allem der Bereich Astrophysik in seinen Bann. Schwarze Löcher, der Urknall und dabei das Glück, dass nicht weit entfernt in dieser Zeit das Radioteleskop Effelsberg gebaut und in Betrieb genommen wurde.

Als Lehrer für Mathematik und Physik fand Ewald Müller dann für vier Jahrzehnte seine berufliche Heimat am Max-Born-Gymnasium in Backnang und bot dort eine Astronomie-Arbeitsgemeinschaft an. Dafür wurde ein bereits etwa 40 Jahre altes und schon vergessenes Schulteleskop aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und funktionstüchtig gemacht. Etwa drei Jahrzehnte konnte es noch seinen Dienst versehen, bis schließlich vor etwa 15 Jahren doch ein neues und moderneres Gerät angeschafft werden musste.

Nicht nur am Gymnasium hat der Auenwalder andere Menschen für das Beobachten von Sternen, Kometen und Planeten begeistern können. Er ist auch einer der Backnanger Sterngucker, die in den 1990er-Jahren selbst ein Teleskop gebaut haben. Normalerweise werden für Kinder und Erwachsene damit Beobachtungen angeboten.

Beeindruckende Simulation

Wer sich für das außergewöhnliche Himmelsereignis zur Zeit von Christi Geburt interessiert, dem ist die Simulation auf der Seite www.sarganserland-walensee.ch/physik/astrospezial/bethlehem.htm zu empfehlen.

Der Stern mit dem Schweif gehört zu Weihnachten wie der Christbaum. Doch warum wird der Stern von Bethlehem eigentlich als Komet dargestellt, wo Kometen doch schon seit der Antike und zudem kulturübergreifend als Unglücksboten angesehen werden? Ewald Müller erklärt das so: Während Giotto di Bondone in Padua an Fresken über das Leben von Maria und Jesus arbeitete, war der Halley’sche Komet zu sehen. Dies musste ihn dermaßen beeindruckt haben, dass er den Stern über der Krippe diesem Himmelsphänomen nachempfunden hat. Das hat sich über Jahrhunderte hinweg eingeprägt. Historische Quellen erwähnen keine Kometen um das Jahr 7 vor Christus. Der Halley’sche Komet war bereits einige Jahre zuvor gesichtet worden.

Eine andere mögliche Erklärung für den Stern könnte eine Supernova sein. Im Dezember 1603 hatte eine große Konjunktion zwischen Saturn und Jupiter stattgefunden, zehn Monate später hatte Astronom Johannes Kepler eine Supernova beobachtet und daraus gefolgert, „dass die Begegnung der beiden Planeten die Geburt eines neuen Sterns ausgelöst habe“, wie Müller in seinem Vortrag darlegt. Allerdings sind die sogenannten Sternenleichen in der entsprechenden Himmelsgegend wesentlich älter, wie man heute weiß. Zwischen einer Supernova und einer Planetenkonjunktion besteht kein Zusammenhang.

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Erstellt:
21. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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