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Der VfB und sein Hang zum Größenwahn

Ganz gleich, in welcher Liga: Der Verein muss Führungspersonal, -struktur und -kultur hinterfragen

Wenn es stimmt, dass der Fußball mal den Himmel, mal die Hölle verspricht, dann ist der VfB Stuttgart eine verlässliche Größe. Vier Spieltage vor Saisonschluss steht er dicht am Abgrund. Mal wieder. Gedemütigt, erniedrigt, verprügelt zuletzt vom FC Augsburg (0:6), kauert der Stolz württembergischer Fußballseelen mit der erbärmlichen Ausbeute von 21 Punkten auf Rang 16 der Bundesliga-Tabelle. Sechs Zähler und 20 Treffer hinter dem rettenden Platz 15, belegt vom Komapatienten FC Schalke 04. Zwar ist rechnerisch die Rettung noch möglich, realistisch betrachtet muss sich der VfB aber über die Relegationsspiele gegen den Dritten der zweiten Liga retten. Es ist ein Jammer.

Weil es üblich ist, im Kampf ums Überleben mit der letzten Patrone noch einmal durchzuladen, übt sich seit vergangenem Wochenende ein neuer Trainer darin, die Blockaden in den Köpfen zu lösen. Erst Tayfun Korkut, dann Markus Weinzierl versuchten viel, erreichten aber wenig. Nico Willig, 38, der in der Bundesliga unerfahrene Coach der VfB-A-Junioren, soll das Feuer in der Mannschaft neu entfachen. Begleitet von den guten Wünschen der bleichgesichtigen VfB-Bosse und konfrontiert mit einem Kollektiv, das in der Fuggerstadt seine Fans in Sack und Asche und mit der zynischen Frage zurückließ: Laufen die noch oder brechen sie nurmehr kontrolliert zusammen? Eine Frage, die nicht unbedeutend ist für den Rest der Spielzeit und die Zukunft des Vereins, der im 125. Jahr seines Bestehens viel versprochen und wenig gehalten hat. Was um Himmels Willen ist schiefgelaufen?

Mit mehr Glück als Verstand spielte sich der Wiederaufsteiger in der vergangenen Saison auf Rang sieben. Was reichte, um ein altes Krankheitsbild neu zu beleben: den Stuttgarter Größenwahn. Gedanklich gedopt vom Klassenverbleib und dem 4:1-Sieg am letzten Spieltag beim lustlos agierenden FC Bayern München, ließen sich die Verantwortlichen im Vorstand und Aufsichtsrat allzu gern in die Irre führen von der Verbalartistik des Sportvorstands Michael Reschke. Die Bilanz ist erschütternd: 37 Millionen Euro für überwiegend enttäuschende Neuzugänge sind verbrannt, die Mannschaft wirkt nach einem sportlichen Zickzackkurs total verunsichert, und Teile der Fangemeinde würden vor allem den Präsidenten und AG-Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Dietrich am liebsten dorthin schicken, wo der Pfeffer wächst. Er jedenfalls trägt die Gesamtverantwortung dafür, dass dem kurzen Aufschwung nach dem Wiederaufstieg und der Ausgliederung der sportliche Absturz folgte. Alles nur Pech, eine Verkettung unglücklicher Umstände? Sicher nicht.

Ganz gleich, in welcher Liga diese Spielzeit für den VfB endet: Ihr muss die knallharte Analyse darüber folgen, wo die Fehlerkette ihren Anfang nahm, die zur sportlichen Misere führte. Die Mitglieder haben das Recht auf einen transparenten Dialog. Ein Machtzentrum jedenfalls, nach patriarchalischem Muster geführt von Präsident und AG-Aufsichtsratschef in Personalunion, scheint nicht mehr die passende Antwort auf die Erfordernisse des komplexen Millionengeschäfts zu sein. Ein Vorstandsvorsitzender, ausgestattet mit wirtschaftlicher und sportfachlicher Kompetenz, war im Zuge der Ausgliederung als Gegenpart zu Wolfgang Dietrich zumindest im Gespräch. Ist er noch eine realistische Option?

So oder so: Sportvorstand Thomas Hitzlsperger und der künftige Sportdirektor Sven Mislintat werden alle Hände voll zu tun haben, um die Folgen einer total verkorksten Saison zu beseitigen – der Hölle noch eine ganze Zeit lang näher als dem Himmel.

gunter.barner@stuttgarter-nachrichten.de

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Erstellt:
23. April 2019, 10:18 Uhr

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