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Der Weissacher Knochen ist vom Tisch

Der Stuttgarter Verkehrsgutachter Jürgen Karajan zerstört die Erwartungen, die an einen Ovalkreisel mit fünf Ein- und Ausgängen zwischen Lommatzscher Straße und Jägerhalde geknüpft wurden. Aber auch die Idee eines zweispurigen Einbahn-Ortsrings in Unterweissach hat wohl keine Chance.

Brennpunkt in Unterweissach: Zwischen der Jägerhalde und der Lommatzscher Straße herrscht ein kompliziertes Verkehrsgeflecht. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Brennpunkt in Unterweissach: Zwischen der Jägerhalde und der Lommatzscher Straße herrscht ein kompliziertes Verkehrsgeflecht. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

WEISSACH IM TAL. Eigentlich sollte es bei der Karajan-Expertise nur um eine als kritisch erkannte Zone gehen: das Geflecht an Verkehrsbeziehungen zwischen der Einmündung der Jägerhalde in die Welzheimer Straße bis zur Lommatzscher Straße. Dann wurde aber ein weit ausgreifendes Gutachten daraus, in dem unter anderem auch die Idee eines zweispurigen innerörtlichen Einbahnstraßenrings entwickelt und bewertet wurde.

Doch der Reihe nach. Die Gemeinde will die Welzheimer Straße als Bindeglied zwischen Rombold-Areal und der Ortsmitte städtebaulich neu gestalten. In zwei Abschnitten sollen dabei über vier Millionen Euro investiert werden. Gefördert wird das Vorhaben aus den Töpfen der Ortskernsanierung. In diesem Zusammenhang geht es auch um die Straßenraumgestaltung und Verkehrsfragen.

Parallel hat sich mit der Neubebauung der Rombold-Brache die Frage gestellt, wie das dort entstehende Verkehrsaufkommen abgewickelt werden soll. Speziell die Ausfahrt an der Jägerhalde wurde für gefährlich erachtet. Um die Situation zu entschärfen, kam der Ruf nach einem Kreisverkehr auf – zusätzlich zu der ohnehin als Ventil bereits neu angelegten Schlaufe, die über die Straße An der Tongrube führt und beim Edeka-Markt in die Welzheimer Straße mündet.

Aber es bestehen noch weitere Schwierigkeiten, die auf engem Raum zusammenstoßen: die Einmündung der inneren Welzheimer Straße in die bevorrechtigte Lommatzscher Straße, die den Hauptverkehrsstrom von der Stuttgarter Straße heranbringt, der kurz darauf folgende Fußgängerüberweg mit Ampel und schließlich, direkt gegenüber der Jägerhalde, auch noch die Einmündung der Jahnstraße in die Welzheimer Straße.

Gordischer Verkehrsknoten für unterschiedliche Planungsansätze

Alles zusammen ein gordischer Verkehrsknoten, an dem sich die Planer mit unterschiedlichen Ansätzen abmühten – bis schließlich die Idee geboren wurde, alle Einmündungen an einen lang gestreckten Kreisel anzuschließen, ein Gebilde mit zwei Knubbeln an jedem Ende, an denen sich die Autos einfädeln können. Diese Lösung war, wie Ulrich Zwink vom Backnanger Ingenieurbüro Frank sagte, aus der Erkenntnis entstanden, dass zwei aufeinanderfolgende separate Kreisel auf so kurzer Strecke nicht funktionieren würden.

Doch die als Geniestreich empfundene Lösung überzeugte die übergeordneten Behörden nicht ganz. Skeptisch gegenüber dem Weissacher Knochen zeigte sich vor allem das Regierungspräsidium. Die Stuttgarter Behörde, die gleichzeitig die Fördermittel für die Ortskernsanierung vergibt, forderte einen Nachweis für die Leistungsfähigkeit des langen Kreisels. Und an dieser Stelle kamen die Experten vom Büro Karajan ins Spiel. Die Stuttgarter Ingenieurgesellschaft für Verkehrstechnik, -infrastruktur und Umwelt mbH sollte die Verhältnisse überprüfen. Ihr eindeutiges Urteil: Der Ovalkreisel schafft es nicht, für einen flüssigen Verkehrsfluss zu sorgen.

Im Gemeinderat erläuterte Jürgen Karajan jetzt die Details, die zu der ernüchternden Einschätzung geführt hatten. Danach haben die Berechnungen und Simulationen ergeben, dass der Ovalkreisel schlicht überlastet wäre. In Spitzenzeiten wäre, so Karajan, mit einem gewaltigen Rückstau und Zeitverlusten von über 15 Minuten pro Fahrzeug zu rechnen. Grund dafür: die geringen Abmessungen der beiden Kreisverkehrsknubbel und deren geringer Abstand voneinander.

Das Büro machte sich dann daran, weitere Varianten zur Verkehrsführung zu untersuchen. Besondere Aufmerksamkeit erhielt dabei ein Innenring unter Einbeziehung von Markt- und Lindenplatz, zum Beispiel der geschlossene Innenring. Dabei geht es in durchgängiger Einbahnregelung zweispurig die Lommatzscher Straße hinab, dann links in die Welzheimer Straße zum Marktplatz und zum Lindenplatz und weiter auf die Stuttgarter Straße bis zur Abzweigung Lommatzscher Straße. Solche Lösungen haben laut Karajan den Vorteil, dass Konflikte zwischen Verkehrsströmen ebenso verringert werden wie Wartezeiten an den Knotenpunkten. Dafür verlängern sich aber die Strecken, die gefahren werden – je nach Variante um bis zu knapp 40 Prozent. Deshalb, aber auch wegen diverser weiterer Schwächen schieden Ansätze dieser Art aus. Aus allen unterschiedlichen Überlegungen entwickelte Karajan eine Vorzugsvariante, in der die Vorzüge der unterschiedlichen Ansätze gesammelt sind (siehe Infobox).

Das ganze Programm warf im Gemeinderat aber Fragen auf. Wilhelm König (UBL) hakte wegen der Bushaltestellen nach, die er als kritischen Punkt ansah. Von Zuhörerseite war in der Bürgerfragestunde auch der künftig vorgesehene Halt für Busse auf der Fahrbahn moniert worden. Irmgard Hestler (SPD) beanstandete, dass über der Gesamtbetrachtung der Verkehrsströme das eigentliche Problem aus dem Fokus geraten sei, nämlich ein gefahrloser Weg von der Welzheimer Straße in Richtung Rombold-Areal. Die Straße An der Tongrube sei jedenfalls völlig ungeeignet, konstatierte sie, um den gesamten Verkehr aus diesem Bereich aufzunehmen. Ebenso dezidiert hatte auch ein Anwohner zuvor die Überlegung zurückgewiesen.

Verkehrsuntersuchung zeigt auf, dass alles zusammenhängt.

Carl Höfer (CDU/FWV) wiederum hielt fest, man könne froh sein, die Verkehrsuntersuchung aufgebrummt bekommen zu haben. Sonst habe man womöglich eine Lösung gewählt, „die nicht funktioniert“. Er machte auch deutlich: „Man sieht, wie alles zusammenhängt. Wenn man an einer Stelle etwas Gutes macht, schlägt es woanders richtig ein.“ Sein Fazit: Man werde die Welzheimer Straße auch künftig für den Straßenverkehr brauchen und dürfe sie nicht zu unattraktiv machen. Er warf überdies die Frage auf, ob der Verkehr von den Sportstätten nicht über den Feldweg statt über Jägerhalde und Tongrube abfließen könne. Derweil beanstandete Jan Hutzenlaub (Weissacher Bürger), dass die Karajan-Expertise kein Konzept für die gesamte Mobilität darstelle, sondern, im Gegenteil, der Ortskern für Fußgänger dadurch eher noch unattraktiver gemacht werde.

Bürgermeister Ian Schölzel machte derweil deutlich, dass es sich bei den weiteren Überlegungen zu Variante 4b um eine Sammlung der Vorschläge handle, die von anderen Planern und Bürgern eingebracht worden waren. Zudem gab es Zweifel, ob das Ventil via Feldweg überhaupt realisierbar wäre: Dazu müsste die ohnedies recht lange Strecke erst noch in eine Gemeindestraße umgewidmet werden, wie Karajan zu bedenken gab – ein aufwendiges Verfahren. Während Heike Oesterle (UBL) am Ende dem Einbahnring einen gewissen Charme abgewinnen konnte, plädierten verschiedene Ratsmitglieder dafür, die Neuerungen nicht in einem Ruck vorzunehmen, sondern sukzessive vorzugehen. Zudem gab das Gremium der Verwaltung noch eine ganze Reihe von Prüfaufträgen mit, unter anderem zur Fuß- und Radwegeplanung.

Von der Vorzugsvariante des Büros Karajan zu weiteren Überlegungen für „Variante 4b“

Als Vorzugsvariante präsentierte Verkehrsplaner Jürgen Karajan im Gemeinderat eine Lösung, bei der die Verkehrsführung grundsätzlich so erhalten bleiben soll, wie sie gerade ist – auch im Hinblick darauf, dass von der Gemeinde städtebauliche Änderungen in der Welzheimer Straße geplant sind.

Die Gemeinde will die Welzheimer Straße zwischen Lommatzscher Straße und Marktplatz vom Durchgangsverkehr entlasten und so die Aufenthaltsqualität dort steigern. Dazu soll eine Tempo-20-Zone eingerichtet, die Fahrbahn teilweise gepflastert sowie für Fußgänger ein erleichtertes Queren ermöglicht werden. Im Bereich Welzheimer Straße/ Lommatzscher Straße/Jägerhalde sollen künftig Ampeln als Einfahrhilfe in Kombination mit einer Fußgängerampel aufgestellt werden. Ferner sind für den Abzweig Lommatzscher/Stuttgarter Straße zusätzliche Abbiegespuren vorgesehen. Am Marktplatz könnte ferner ein Kreisverkehr anstelle der bisherigen Einmündung angelegt werden.

Die Maßnahmen hätten zur Folge, dass Verkehr von der Welzheimer Straße auf die Stuttgarter Straße verlagert wird, was aber im Rahmen des Möglichen liegt. Karajans Fazit: „Mit der gewählten Verkehrsführung in Kombination mit den vorgeschlagenen Ausbauformen der Knotenpunkte erreicht man für alle Knotenpunkte eine ausreichend gute Qualitätsstufe und damit einen leistungsfähigen Verkehrsablauf.“

Darüber hinaus gibt es noch weitere Überlegungen für eine „Variante 4b“ mit dem Ziel, die Querungsmöglichkeiten für Fußgänger zu optimieren und die Jägerhalde zu entlasten: Fußgängerampel auf die andere Seite der Einmündung Jägerhalde versetzen, um den Überweg insbesondere auch für Besucher des Ärztehauses anzubieten, einen weiteren Fußgängerüberweg Richtung Edeka – eventuell als Brücke auch für Radfahrer – anlegen sowie die angedachte Teilsignalisierung an der Lommatzscher Straße aufheben, an der Ausfahrt Welzheimer/Lommatzscher Straße eine innen liegende Einfädelspur für Linksabbieger aus der Welzheimer Straße anlegen, Anlieger der Straße An der Tongrube und Besucher der Sportanlagen über die Jägerhalde ein-, aber über die Schlaufe ausfahren lassen, ferner eine Tempo-30-Zone in der Lommatzscher und Welzheimer Straße bis mindestens zum Edeka.

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Erstellt:
3. Juni 2020, 11:30 Uhr

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