Was die Flut im Land uns lehrt

Die Ehrenamtlichen brauchen mehr Unterstützung

Nach den Überflutungen im Ahrtal hat sich im Katastrophenschutz einiges verbessert. Doch bei dem lange vernachlässigten Thema gibt es noch Nachholbedarf. Das zeigt sich jetzt erneut, meint Jürgen Bock.

Die Retter in Baden-Württemberg und Bayern kämpfen Tag und Nacht gegen die Fluten.

© dpa/Jason Tschepljakow

Die Retter in Baden-Württemberg und Bayern kämpfen Tag und Nacht gegen die Fluten.

Von Jürgen Bock

Lernen durch Schmerzen. Anders kann man es wohl nicht ausdrücken, was derzeit in Sachen Bevölkerungsschutz in Deutschland passiert. Jahrzehntelang hatte das Thema keinen allzu populären Platz eingenommen bei Politik und auch bei vielen Menschen. Hilfsorganisationen warnten seit Jahren, der Katastrophenschutz sei unterfinanziert und vernachlässigt. Und man wunderte sich dort schon länger, dass auch der Zivilschutz, also die Vorbereitung für den Kriegsfall, kaum noch irgendwo eine Rolle spielt. Ewiger Frieden? Insel der Glückseligen?

Diesen Vorstellungen haben schlimme Ereignisse innerhalb kürzester Zeit den Garaus gemacht. Flüchtlingsströme, Ukraine-Krieg, Umweltkatastrophen führen äußerst drastisch vor Augen, was in Deutschland funktioniert und was nicht. Die verheerende Flut im nordrhein-westfälischen Ahrtal vor drei Jahren hat schonungslos aufgezeigt, was alles schief gehen kann, wenn die Abläufe nicht stimmen.

Die massiven Überschwemmungen in Baden-Württemberg und Bayern sind jetzt die nächste Bewährungsprobe fürs System. Und man muss feststellen: Es hat sich tatsächlich einiges verbessert. Diesmal werden nicht mehr als 130 Todesopfer zu beklagen sein wie im Ahrtal. Die Warnungen kamen vielerorts rechtzeitig. Die Menschen haben besonnen reagiert und sich gegenseitig geholfen. Tausende Retter sind im Einsatz, tage- und nächtelang, viele davon im Ehrenamt. Sie packen an, organisieren, unterstützen sich über Landkreise und Ländergrenzen hinweg, wo immer es nötig ist. Auch die Zusammenarbeit mit den Behörden vor Ort klappt in den meisten Fällen.

Ihre Hausaufgaben gemacht haben dabei vor allem die Retter. Immer wieder haben sie zuletzt auf lokaler und regionaler Ebene geübt für solche Fälle. Denn die Strukturen sind nach wie vor kompliziert. Die Zuständigkeiten liegen mal bei den Ländern, mal beim Bund, mal bei den Kommunen oder Kreisen. Dazu sind diverse Hilfsorganisationen parallel im Einsatz. Dieses Konstrukt ist historisch gewachsen – erfinden würde man es so wohl nicht. Dennoch kann es funktionieren, wenn alle vorbereitet sind.

Ehrenamtliche tragen die Hauptlast

Und doch ist zu spüren, dass trotz aller Fortschritte noch manches in Deutschland im Argen liegt. Erneut beklagen die Hilfsorganisationen, vorweg das Deutsche Rote Kreuz, dass die finanzielle Ausstattung im Bevölkerungsschutz noch immer zu niedrig sei. Zwar hat die Politik zuletzt die Mittel hier und da erhöht, doch es geht nicht an, dass die Retter nach wie vor eine staatliche Aufgabe zum Teil aus Spenden finanzieren müssen.

Auch die Vereinfachung der Abläufe bleibt ein Thema. Wenn Tausende Menschen im Ehrenamt von THW, DRK, Feuerwehr und anderen Organisationen ohne Zögern ins Unwetter ziehen und dabei ihr Leben riskieren, gebührt ihnen großer Dank – man darf sie nicht auch noch im übertragenen Sinne im Regen stehen lassen.

Das gilt auch für die Menschen, die von den Katastrophen betroffen sind, die ihr Hab und Gut verlieren. Beim Hochwasserschutz gibt es mancherorts Nachbesserungsbedarf. Und wie schleppend es mit öffentlichen Hilfen laufen kann, wissen die Flutopfer im Ahrtal am besten. Wenn die Politiker die Gummistiefel wieder ausgezogen haben und die Kameras weg sind, beginnt der Härtetest für die Versprechungen.

Jeder muss sich vorbereiten

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass besserer Bevölkerungsschutz in Deutschland nur gemeinsam funktioniert. Jeder Einzelne und jede Einzelne muss sich der Gefahren bewusst sein und sich, so gut es eben geht, darauf vorbereiten. Denn in einem sind sich alle Experten einig: Die Zahl der Katastrophen wird steigen.

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Erstellt:
4. Juni 2024, 10:20 Uhr

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