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Erste Etappe auf dem Weg zur Fahrradstadt

Backnanger Gemeinderat beschließt Sofortprogramm zur Stärkung des Radverkehrs – Expertenwerkstatt soll über 145 Verbesserungsvorschläge diskutieren

Den Radfahrern will die Stadt Backnang in den kommenden Jahren mehr Aufmerksamkeit schenken. Der Gemeinderat hat am Donnerstag ein Sofortmaßnahmenpaket beschlossen, dem in den nächsten Jahren weitere Schritte folgen sollen. Welche der 145 Verbesserungsvorschläge aus dem neuen Radinfrastrukturkonzept bis wann umgesetzt werden, soll in einer Expertenwerkstatt diskutiert werden.

Eine Fahrradstraße gibt es in Backnang bis jetzt noch nicht. Das neue Radkonzept regt an, in der Richard-Wagner-Straße eine einzurichten.Foto: Imago

© imago/Gottfried Czepluch

Eine Fahrradstraße gibt es in Backnang bis jetzt noch nicht. Das neue Radkonzept regt an, in der Richard-Wagner-Straße eine einzurichten.Foto: Imago

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Dass Fahrradfahrer bei der Verkehrsplanung vergangener Jahrzehnte keine große Rolle gespielt haben, lag auch an der Topografie der Stadt. Angesichts der vielen Hügel war Radeln in Backnang früher nur sehr sportlichen Zeitgenossen vorbehalten. Doch dieses Argument zählt nicht mehr: „Durch Pedelecs und E-Bikes haben wir viele neue Gelegenheits- und Dauerfahrer“, berichtet der Leiter des Stadtplanungsamtes, Tobias Großmann. Und er ist überzeugt, dass noch mehr Backnanger von vier auf zwei Räder umsteigen werden, wenn ihnen die Stadt eine bessere Infrastruktur bietet. So ließen sich vielleicht auch die hohen Stickoxidwerte senken und drohende Fahrverbote verhindern.

Nun lassen sich die Mängel im Radwegenetz nicht von heute auf morgen beseitigen, aber vielleicht Schritt für Schritt. Grundlage soll ein neues Radinfrastrukturkonzept sein, das vom Ingenieurbüro Brenner Bernard aus Aalen erarbeitet wurde. Es listet insgesamt 145 Verbesserungsvorschläge auf. Großmann präsentierte dem Gemeinderat nur einige Beispiele daraus. So könnte in der Sulzbacher Straße ein Trennstreifen den Abstand zwischen Radfahrern und parkenden Autos erhöhen. In der Talstraße schlagen die Experten eine neue Wegeführung vor, damit Zweiradfahrer am Ende des Radwegs sicherer auf die Fahrbahn wechseln können. Und die Richard-Wagner-Straße, an der die Mörikeschule und die Schickhardt-Realschule liegen, könnte zu einer Fahrradstraße werden. Autos dürften dort zwar weiterhin fahren, Zweiradfahrer hätten aber Vorrang und dürften auch nebeneinander und in der Mitte der Straße fahren.

Auch die Zahl der Fahrradabstellplätze in der Innenstadt soll deutlich erhöht werden. Das Büro Brenner Bernard schlägt vor, an zahlreichen Gebäuden sogenannte Anlehnbügel oder Anlehngeländer anzubringen, an denen die Nutzer ihre Drahtesel anketten können.

Ob alles so kommen wird, ist allerdings noch nicht beschlossen: „Das ist ein strategisches Konzept und noch keine Detailplanung“, betonte Tobias Großmann. Er will nun eine sogenannte Expertenwerkstatt ins Leben rufen: An einem runden Tisch wollen die Verkehrsplaner zusammen mit Stadträten, Vertretern des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), der Schulen und des Landkreises über die Vorschläge diskutieren und Prioritäten festlegen.

Ein erstes Maßnahmenpaket mit Gesamtkosten von rund 55000 Euro hat der Gemeinderat aber schon am Donnerstag einstimmig beschlossen. So werden weitere 30 bis 40 abschließbare Fahrradboxen am Bahnhof sowie zwei neue Radabstellanlagen in der Schillerstraße und am Obstmarkt aufgestellt. Außerdem werden an verschiedenen Stellen Radwege neu markiert oder beschildert. Auch Kritikpunkte aus der Mängelliste des ADFC greift die Stadt dabei auf.

Spätestens bis zum nächsten Frühjahr sollen diese Maßnahmen umgesetzt sein, versprach Baudezernent Stefan Setzer. Die Entscheidung, ob sich Backnang am Fahrradverleihsystem Regio Rad Stuttgart beteiligen wird, wurde hingegen auf kommendes Jahr vertagt. Man wolle erst einmal abwarten, welche Erfahrungen andere Städte mit diesem System machen, sagte Setzer zur Begründung.

Nopper beklagt
„Stimmungsmache“

Bei den Stadträten stieß das Radinfrastrukturkonzept auf breite Zustimmung: „Ein wichtiger Anfang ist gemacht, jetzt gilt es, möglichst viele Beteiligte an einen Tisch zu bringen“, sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende Heinz Franke. Ute Ulfert regte an, auch Fußgänger und Autofahrer mit einzubinden: „Es ist wichtig, dass man auch die Argumente der Gegenseite hört“, erklärte die CDU-Fraktionsvorsitzende. Tobias Großmann versprach, diesen Vorschlag aufzugreifen, denn auch er rechnet mit Konflikten. Der Ausbau eines Radwegs kann nämlich auch bedeuten, dass beispielsweise Parkplätze wegfallen. Der Stadtplaner warnt deshalb schon mal: „Wir werden niemals eine Lösung finden, die alle gut finden.“

Bei aller Einigkeit wurde im Gemeinderat auch gestritten, was an einem angriffslustigen Oberbürgermeister lag. Mit Armin Dobler (SPD) und Grünen-Stadträtin Melanie Lang lieferte sich Frank Nopper Wortgefechte, nachdem diese das schlechte Backnanger Abschneiden beim ADFC-Fahrradklimatest 2016 angesprochen hatten. Die Aussagekraft dieser Umfrage zweifle er an, sagte Nopper, denn sie beruhe auf den Einschätzungen von gerade mal 63 Personen, von denen man noch nicht einmal wisse, „ob sie aus Backnang oder vielleicht aus Hamburg sind.“ Im Übrigen halte er nichts von „Stimmungsmache“ zugunsten der Radfahrer: „Wir wollen auch die anderen Verkehrsträger weiterhin im Auge behalten.“ Melanie Lang entgegnete, das Auto sei in Backnang jahrzehntelang überprivilegiert worden. Deshalb spreche nichts dagegen, jetzt auch mal dem Fahrrad den Vorrang zu geben.

Der Auto-OB Von Kornelius Fritz Gerhard Schröder wurde wegen seiner engen Kontakte zu den Konzernbossen auch „Autokanzler“ genannt. Wollte man einen Auto-OB küren, so wäre Frank Nopper nach seinem jüngsten Auftritt im Gemeinderat ein heißer Kandidat für diesen Titel. Während Baudezernent Setzer und Stadtplaner Großmann sich engagiert für einen Ausbau der Radinfrastruktur einsetzten, war aus Noppers Äußerungen deutlich herauszuhören, dass das Thema Radverkehr auf seiner Prioritätenliste weit unten rangiert. Klar, man wolle schon was für die Radfahrer tun, dürfe dabei aber auf keinen Fall die Autofahrer vergessen, sagte Nopper sinngemäß. Kritikern wie dem ADFC, der Mängel klar benennt, warf Nopper „Stimmungsmache“ vor und stellte die für Backnang äußerst unerfreulichen Ergebnisse beim ADFC-Radklimatest infrage. Schließlich hätten ja nur 63 Personen abgestimmt. Dabei bedarf es nun wirklich keiner repräsentativen Umfrage, um zu erkennen, dass die Infrastruktur für Radfahrer in Backnang mangelhaft ist. Dafür genügt es schon, sich selbst einmal auf den Sattel zu schwingen und eine halbe Stunde durch die Stadt zu radeln. Mit seinem einstimmigen Votum für das neue Radinfrastrukturkonzept hat der Gemeinderat ein deutliches Zeichen gesetzt, dass er daran etwas ändern will. Nun liegt es auch an den Stadträten, darüber zu wachen, dass die zahlreichen Verbesserungsvorschläge Schritt für Schritt umgesetzt werden. Denn vom OB ist bei diesem Thema wohl kein allzu großer Tatendrang zu erwarten. k.fritz@bkz.de Kommentar

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Erstellt:
27. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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