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Jahn vermisst Unterstützung der Stadt

Stararchitekt präsentiert seinen Masterplan für das ehemalige Kaelble-Areal – „Verwaltung hat Angst vor Fehlern“

Die Kritik an seinem Masterplan für das Kaelble-Areal hat Helmut Jahn geärgert. Deshalb ist der Stararchitekt gestern extra aus Chicago nach Backnang gekommen, um bei einer Pressekonferenz seine Pläne zu erläutern. Dabei äußerte er auch Kritik an der Stadtverwaltung: „Ich kann nicht verstehen, wieso die politische Führung nicht erkennt, was für ein Glücksfall das für die Stadt ist.“

Blick in die Zukunft? Architekt und Investor sind der Ansicht, dass sich ihr „Quartier Backnang West“ nahtlos in die Umgebung einfügt.Visualisierung: Riva

Blick in die Zukunft? Architekt und Investor sind der Ansicht, dass sich ihr „Quartier Backnang West“ nahtlos in die Umgebung einfügt.Visualisierung: Riva

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Zusammen mit Investor Hermann Püttmer, der das Kaelble-Gelände vor zwei Jahren erworben hatte, stellte Helmut Jahn gestern seinen Masterplan vor. Der deutsch-amerikanische Stararchitekt und der Riva-Chef sind schon lange befreundet und haben etliche Bauprojekte gemeinsam realisiert. Was er in Backnang unter dem Titel „Quartier West“ plant, sei ein „Stadtteil im Grünen“, sagte Jahn. Gerade mal 36 Prozent der fünf Hektar großen Fläche sollen bebaut werden, das Areal sei durchzogen von Grünanlagen und öffentlichen Plätzen. Die Murr werde dabei wieder in den Mittelpunkt gerückt, denn momentan sei nicht nur das Gelände eine Brache: „Auch der Fluss liegt brach“, so Jahn.

Neben Wohnhäusern, Büros und einem Hotel sehen die Pläne eine Mehrzweckhalle mit etwa 1000 Plätzen, ein Kunstmuseum und eine private Hochschule vor. Mit Professor Ashraf Mansour, dem Gründer der German University in Kairo, habe er dafür bereits einen Partner an der Hand, sagte Püttmer. Der Rems-Murr-Kreis sei der einzige Landkreis in Baden-Württemberg ohne Hochschule. Die Firmen in der Region bräuchten eine Ausbildungsstätte für Ingenieure.

Die Kritik von Oberbürgermeister Frank Nopper, der erklärt hatte, man wolle für Backnang keine Lösung, „die eher nach Chicago passt“, wies Jahn zurück. „Dieses Gebiet wird sich nahtlos mit der Stadt verbinden“, versprach der 78-Jährige. So seien die geplanten Gebäude an der Schöntaler Straße nur dreistöckig und stiegen zum Murrufer auf sechs bis sieben Stockwerke an. Die Kennzahl, die die Geschossfläche ins Verhältnis zur Gesamtfläche setzt, liege bei 2,07. „Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass sie in den angrenzenden Gebieten höher ist“, sagte Jahn. In Chicago liege diese Zahl bei 20.

Ein Hochhaus ist allerdings weiterhin ein zentrales Element in den Plänen von Jahn und Püttmer. „Wenn man ein solches Quartier entwickelt, dann sollte man auch ein Zeichen setzen“, findet der prominente Architekt, der unter anderem den Frankfurter Messeturm und das Sony-Center in Berlin entworfen hat. Ein Hochhaus an der geplanten Stelle wäre aus seiner Sicht keineswegs ein Fremdkörper, sondern wirke im Kontext mit den benachbarten und ebenfalls recht hohen Tesat-Gebäuden als „Bookend“, also wie eine Buchstütze. Der Architekt verwies auch auf Hochhausprojekte in anderen Städten, etwa den von ihm entworfenen Aufzug-Testturm in Rottweil, der sich zu einer Touristenattraktion entwickelt habe: „Heute sagen die Leute in Rottweil: Das ist unser Turm.“ Über die endgültige Höhe des Backnanger Gebäudes könne man aber natürlich noch sprechen: „100 Meter sind kein Muss, es kann auch ein bisschen niedriger werden.“

Ohnehin sei ihr Masterplan nur eine Gesprächsgrundlage, betonten Jahn und Püttmer. Und er solle auch nicht auf einmal, sondern abschnittsweise verwirklicht werden. Die Gespräche darüber müssten jetzt aber endlich stattfinden. Sein Büro habe vier Monate gebraucht, um die Pläne zu entwickeln, erklärte Jahn. Die Backnanger Stadtverwaltung brauche nun aber schon zehn Monate, um darauf zu reagieren: „Wir haben bis heute kein Feedback bekommen.“

Er habe das Gefühl, die Verwaltungsspitze habe Angst davor, Fehler zu machen, sagte der Architekt. „Aber unsere Welt wäre nicht, wie sie ist, wenn es nicht Leute gegeben hätte, die das Bewusstsein hatten, keinen Fehler zu machen“. Jahn forderte einen „ernsten und professionellen Dialog“ mit OB und Verwaltung. „In 50 Jahren Berufslaufbahn ist mir das immer gelungen. Ich weiß nicht, warum es hier nicht funktionieren sollte.“

Ein direktes Gespräch zwischen Investor, Architekt und Verwaltung fand allerdings auch gestern nicht statt. OB Frank Nopper erklärte auf Anfrage, er habe von Jahns Besuch in Backnang nur zufällig erfahren. Eine Einladung zum Gespräch habe er nicht erhalten.

Wer vermittelt? Von Kornelius Fritz Für den externen Beobachter ist die Sache rätselhaft. Da gibt es einen Investor und einen Oberbürgermeister, die eigentlich beide dasselbe wollen: einen Schandfleck im Backnanger Stadtbild beseitigen. Beide erklären, sie seien offen für Gespräche, und doch kommen sie einfach nicht zusammen. Riva-Chef Püttmer und sein Architekt Helmut Jahn beklagen, sie bekämen von der Verwaltung keine Antwort, während OB Nopper erklärt, man stehe mit dem Investor in ständigem Austausch. Was denn nun? Langsam hat man das Gefühl, dass diese zwei Männer einfach nicht miteinander können. Wenn sie überhaupt reden, dann reden sie offenbar aneinander vorbei. Die Entwicklung der Stadt darf daran aber nicht scheitern. Statt sich weiter gegenseitig zu beschuldigen, sollten die Streithähne einen erfahrenen Mediator einschalten, mit dem sie gemeinsam einen verbindlichen Fahrplan für den weiteren Projektablauf erarbeiten. k.fritz@bkz.de Kommentar
Architekt Helmut Jahn (rechts) erläutert die Pläne, die er zusammen mit Riva-Chef Hermann Püttmer in Backnang verwirklichen will. Foto: A. Becher

Architekt Helmut Jahn (rechts) erläutert die Pläne, die er zusammen mit Riva-Chef Hermann Püttmer in Backnang verwirklichen will. Foto: A. Becher

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Erstellt:
4. August 2018, 06:00 Uhr

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