Konzept für eine lebendige Backnanger Innenstadt

Im Fall von Woolworth ist das Backnanger Einzelhandelskonzept ein entscheidender Faktor und zwingt das Unternehmen zur Schließung. Wir haben genauer nachgehakt, was das Konzept beinhaltet und welche Ziele damit verfolgt werden.

Das Einzelhandelskonzept stellt die Weichen für einen attraktiven Stadtkern. Die Aktivitäten des Stadtmarketings – wie der Gänsemarkt – wirken flankierend. Archivfoto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Das Einzelhandelskonzept stellt die Weichen für einen attraktiven Stadtkern. Die Aktivitäten des Stadtmarketings – wie der Gänsemarkt – wirken flankierend. Archivfoto: Alexander Becher

Von Lorena Greppo

Backnang. Die Nachricht, dass die erst im Februar eröffnete Woolworth-Filiale in der Sulzbacher Straße wieder schließen muss, hat in Backnang für Verwunderung gesorgt. Schließlich läuft das Geschäft gut. Doch wie sich herausstellte, hätte der Laden gar nicht erst eröffnen dürfen, die Baugenehmigung des Vorgängers galt nicht für das Woolworth-Sortiment und eine Nutzungsänderung wäre vonseiten der Stadt Backnang mit Verweis auf das Einzelhandelskonzept abgelehnt worden. Doch was genau hat es mit dem städtischen Einzelhandelskonzept auf sich? Warum darf Woolworth seine Produkte an dieser Stelle nicht verkaufen?

Stadtplanungsamtsleiter Tobias Großmann betont, dass man Woolworth nicht prinzipiell eine Absage erteilt habe. Die Kette kombiniere viele verschiedene Sortimente, „die in kleineren Lagen in der Innenstadt funktionieren könnten“. Und genau deshalb wäre eine Ansiedlung in der Peripherie schädlich. Die Idee ist nachvollziehbar: Geschäfte in der Innenstadt sollen eine Magnetfunktion haben, ihre Waren sollen auch ohne Auto gut transportierbar sein und im besten Fall ergeben sich Synergieeffekte untereinander (siehe Infotext). „Die Geschäfte sollen Inspiration bieten und zum Weitershoppen anregen“, so Großmann. Auch Martin Windmüller, Vertreter des Handels im Stadtmarketing, sagt: „Solche Geschäfte laden zum Bummeln und Flanieren ein.“ Am Stadtrand sollen hingegen eher spezialisierte Händler aufwarten, deren Waren womöglich sperriger sind und mit dem Auto transportiert werden müssen. Dort stehen dann auch größere Flächen zur Verfügung. Die sind in der Innenstadt bekanntlich ein rares Gut.

Bestandsschutz für die bisherigen Geschäfte in der Sulzbacher Straße

Nun gibt es aber bereits diverse Händler in der Sulzbacher Straße, die sogenannte zentrumsrelevante Sortimente anbieten. Warum also nicht auch Woolworth? Die Antwort ist ganz einfach: „Bestehende Baugenehmigungen sind zu beachten“, erklärt Tobias Großmann. Sprich: Für sie gilt der Bestandschutz. Würden sie – wie es Woolworth hätte machen müssen – eine Nutzungsänderung beantragen, so würde auch in diesen Fällen das Einzelhandelskonzept zugrunde gelegt werden. Übrigens, führt der Stadtplanungsamtsleiter aus, war Woolworth nicht der erste Fall, in dem das Konzept zur Anwendung kam. Im Industriegebiet Backnang-Süd habe es auch schon Anfragen von Einzelhändlern gegeben. Da diese aber die Absage der Stadtverwaltung hinnahmen, sei das geräuschlos abgelaufen.

Ein Mix aus Handel, Gastronomie und Freizeitangeboten ist gewünscht

Welche Möglichkeiten bleiben also für ein Unternehmen wie Woolworth, das eine gewisse Fläche benötigt, dessen Sortiment aber zentrumsrelevant ist? „Momentan gibt es die passenden Flächen nicht“, räumt Großmann ein. Eine Möglichkeit sei es, abzuwarten, bis sich etwas ergibt – wie etwa kürzlich für Osiander in der Grabenstraße. Die andere Variante wäre, dass bei einer Quartiersentwicklung neue Flächen in der Backnanger Innenstadt geschaffen werden – also durch Gebäudeabbrüche oder Ähnliches. Allerdings sieht der Amtsleiter auch in dieser Hinsicht aktuell wenig Chancen: „Ich glaube nicht, dass in näherer Zukunft neue Flächen dazukommen.“

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Martin Windmüller findet es gut, dass die Stadt bei dieser Thematik Konsequenz an den Tag legt. Er habe es schon begrüßt, als das Einzelhandelskonzept erstmals erstellt wurde. Denn obwohl in Backnang im Verhältnis zur Einwohnerzahl überproportional viel Umsatz generiert wird, finde schon jetzt vieles davon in der Peripherie statt. Unter dieser Entwicklung leide wiederum die Innenstadt.

Das Einzelhandelskonzept ziele gar nicht darauf ab, einzelne Geschäfte zu erhalten, führt er aus. „Es geht um den Schutz der Lebendigkeit und Vitalität der Innenstadt.“ Viel mehr als früher gehören dazu inzwischen auch die Gastronomie sowie Freizeitangebote. Aber auch der Einzelhandel sei noch immer ein essenzieller Bestandteil. „Der Mix macht es“, so Windmüller. Diesen zu erhalten sei harte Arbeit, fügt Tobias Großmann hinzu. „Wir müssen uns immer wieder anpassen.“ Das sei in Backnang bisher gut gelungen, unter anderem auch mit neuen, kreativen Ideen und Nischengeschäften wie dem Kaffeegeschäft Explorer, dem Café Lille Bønne oder dem kooperativen Conceptstore von Haimish und Ammerseekids. Hinzu kommen die vielen Aktivitäten des Stadtmarketings mit Veranstaltungen wie dem Tulpenfrühling und dem Gänsemarkt, aber auch besonderen Wochenmärkten. So sehe er Backnang auch gut aufgestellt, sagt Großmann.

Kein Präzedenzfall mit Woolworth

Damit das so bleibt, müsse man auch mal unbequeme Entscheidungen treffen, zu denen man dann stehen müsse. Auch Martin Windmüller heißt es gut, dass für Woolworth kein Präzedenzfall geschaffen wurde. Er kann sich daran erinnern, als die Opti-Wohnwelt in Waldrems mit großer Haushaltswarenabteilung geöffnet hat. „Das hat man in der Innenstadt deutlich gemerkt, darunter haben einige Geschäfte gelitten.“

Allerdings ist der Chef des Bettenhauses Windmüller auch pragmatisch. Er könne sich zum Beispiel vorstellen, dass in die Räume des ehemaligen Schuhprofi, wo aktuell Woolworth Handel treibt, erneut ein Schuhladen einzieht – obwohl auch das ein zentrumsrelevantes Sortiment ist. Aber: „In der Innenstadt ist nicht so viel los in Sachen Schuhe. Und lieber wir haben einen Schuhanbieter in der Sulzbacher Straße als gar keinen.“ Das wäre womöglich sogar umsetzbar, ohne dass es mit dem Einzelhandelskonzept in Konflikt gerät: Schließlich erlaubt die aktuelle Baugenehmigung dieses Sortiment.

Das Einzelhandelskonzept soll die Innenstadt lebendig halten

Vorgeschichte Die Stadt Backnang hat 2009/2010 erstmals ein Einzelhandelskonzept zur städtebaulich geordneten Entwicklung des Einzelhandels unter Berücksichtigung der Innenstadt beschlossen. Weil der Einzelhandel jedoch immensen Veränderungen unterliegt, wurde 2021 beschlossen, das Konzept anzupassen und fortzuschreiben. Erarbeitet wurden die Inhalte mit verschiedenen Akteuren der Innenstadt, darunter auch der Stadtmarketingverein. 2023 wurde das neue Einzelhandelskonzept im Backnanger Gemeinderat beschlossen.

Ziele Zu den Zielsetzungen des Konzepts gehören der Schutz und die Stärkung der Innenstadt als attraktive und lebendige Einkaufslage in Backnang. Die Stärkung soll durch zielgerichteten Ausbau des Einzelhandelsangebots sowie Ausschluss zentrenrelevanter Sortimente an dezentralen Standorten erfolgen.

Abgrenzung Die Innenstadt erstreckt sich im Süden bis zur Oberen Bahnhofstraße, im Westen bis zur Friedrichstraße, im Norden bis zur Talstraße und im Osten bis zur Annonaystraße beziehungsweise bis zur Gartenstraße. Die innerstädtische Haupteinkaufslage umfasst im Wesentlichen die Markt- und Grabenstraße sowie die als Fußgängerzone ausgewiesenen Teilbereiche dazwischen.

Zentrumsrelevanz Zu den Kriterien zur Bestimmung zentrumsrelevanter Sortimente gehören die Magnetfunktion (Steigerung der Attraktivität der Innenstadt), die Eignung für leichten Transport ohne Pkw, geringe bis mittlere Flächenansprüche sowie Synergien mit anderen Sortimenten in der Innenstadt.

Sortiment Beispiele für nicht zentrumsrelevante Sortimente sind: Elektrogroßgeräte, Büromaschinen, Möbel, Sanitär- und Badeinrichtung, Baustoffe und Heimwerkerbedarf, Teppiche und Bodenbeläge, Kraftfahrzeuge, Campingartikel, Sportgroßgeräte, Tiernahrung, zoologischer Bedarf, Lebendtiere, Brennstoffe und Mineralölerzeugnisse.

Link Das Einzelhandelskonzept ist nachzulesen unter: www.backnang.de/ stadt-gestalten/stadtplanung/sonstige-planungen-und-satzungen

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Erstellt:
25. Mai 2024, 06:00 Uhr

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