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„Manchmal hatte ich auch ein bisschen Angst“

Die 20-jährige Astrid aus Backnang lebte 2018 für mehrere Wochen im Hambacher Forst und ist auch bei der Räumung des Walds anwesend

Nach diesem einen Morgen Mitte September 2018 ist für Astrid nichts mehr wie zuvor: Gewaltsam wird sie von der Polizei aus ihrem Baumhaus geholt und aus dem Wald gebracht. Das Haus, in dem sie gewohnt hat, wird abgerissen. Die 20-jährige Backnangerin lebte vergangenes Jahr für einige Zeit im Hambacher Forst – dem Symbol des Widerstands der Anti-Kohlekraft-Bewegung.

Das dreigeschossige Baumhaus, in dem Astrid gelebt hat, gibt es heute nicht mehr. Im Zuge der Räumung im Oktober 2018 wurde es abgerissen. Auf dem Foto sind Astrid und ihre Mutter Meike zu sehen, die ihrer Tochter bei ihrem ersten Aufenthalt im Frühjahr vergangenen Jahres einen Besuch abstattete. Foto: privat

Das dreigeschossige Baumhaus, in dem Astrid gelebt hat, gibt es heute nicht mehr. Im Zuge der Räumung im Oktober 2018 wurde es abgerissen. Auf dem Foto sind Astrid und ihre Mutter Meike zu sehen, die ihrer Tochter bei ihrem ersten Aufenthalt im Frühjahr vergangenen Jahres einen Besuch abstattete. Foto: privat

Von Silke Latzel

BACKNANG. Angefangen hat alles rund 10000 Kilometer von Deutschland entfernt, genauer gesagt in Peru. Die 20-jährige Astrid, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat nach der Schule mit der Organisation „Project Peace“ eine Art Freiwilliges Soziales Jahr begonnen. Das Projekt bietet jungen Menschen die Möglichkeit, an einem Bildungs- und Entwicklungsjahr für Frieden, Ökologie und Kulturwandel teilzunehmen, für ein halbes Jahr geht es dabei auch ins Ausland. Astrid zieht es nach Peru. Doch sie bleibt nur drei Monate: „Vieles dort ist nicht so gut gelaufen, deshalb bin ich wieder zurück nach Deutschland, denn auch hier gibt es viele Möglichkeiten, andere Lebensweisen kennenzulernen“, sagt sie. Sie sucht nach einer Alternative zu Peru, lernt über „Project Peace“ einige ehemalige Aktivisten kennen, die sich früher für den Hambacher Wald bei Aachen eingesetzt haben.

„Mich haben die Erzählungen einfach neugierig gemacht, mit Politik hatte ich zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht so viel zutun. Und ich konnte mir gar nicht so richtig vorstellen, wie es ist, in einem Baumhaus zu leben.“ Astrid entschließt sich dazu, selbst für ein paar Wochen in den Hambacher Forst zu gehen. „Ich wollte verstehen, was die Menschen dort bewegt, wie es ist, im Wald zu wohnen und auch Vorurteile gegenüber den Bewohnern dort abzubauen.“

Und dann ging eigentlich alles ganz schnell. Die Ehemaligen laden Astrid ein, in den Wald zu fahren, sie könne dort einfach vorbeikommen. Astrid packt warme Kleidung ein, einen Schlafsack, eine Isomatte und etwas zu lesen. In den ersten Tagen lebt sie in einem Wohnwagen, später zieht Astrid ein eines der Baumhäuser im „Hambi“. Dreistöckig ist es, hat eine Treppe und dient als Ort der Gemeinschaft und als Gästehaus. Keramiktoilette und Dusche? Fehlanzeige. „Wir haben Komposttoiletten aus Holz benutzt und die Stellen dann mit Laub bedeckt. Gewaschen haben wir uns mit Regenwasser und zum Duschen oder Wäschewaschen sind wir ab und an zu Unterstützern außerhalb des Waldes gegangen“, erzählt Astrid.

Einen festen Tagesablauf gibt es im Forst nicht. Als Astrid im März in den Wald kommt, ist es noch kalt, es liegt Schnee. Sie geht viel spazieren, um sich aufzuwärmen, hilft beim Abwasch. Später nimmt sie an Workshops teil, lernt Kerzenziehen, Kampfsport und hört sich Vorträge rund ums Thema Natur- und Umweltschutz an, bekommt Tipps für den Aktivismus. „Im Frühjahr war die Stimmung wirklich sehr friedlich. Nur ein oder zweimal wurden unsere Barrikaden geräumt, sonst ist nicht viel passiert.“ Sechs Wochen bleibt Astrid, fährt danach wieder nach Hause. Dort fühlt sie sich zwar nicht eingeengt, denn sie hat nun wieder mehr Platz zum Wohnen, aber ihr fehlt es, den ganzen Tag an der frischen Luft zu sein. „Ich denke, dass eine Ursache, warum wir den Planeten so ausbeuten, darin liegt, dass wir so stark von der Natur entfremdet sind. Wir wohnen in abgeschlossenen und beheizten Häusern und spüren Kälte, Regen und Sturm nicht. Wenn man im Wald lebt, ist das anders. Bei Sturm schwankt das Baumhaus in den Ästen hin und her, manchmal hatte ich da auch ein bisschen Angst. Klar, das Leben dort ist unbequemer, aber ich würde nicht sagen, dass es uns dort schlechter geht als woanders. Andere Menschen arbeiten den ganzen Tag und haben keine Zeit mehr für das, was wirklich wichtig ist im Leben: Beziehungen, Freunde, die Natur.“

Es ist September, als es Astrid wieder in den Wald zieht. Doch die Atmosphäre ist eine andere – die drohende Räumung liegt in der Luft. „Es waren unglaublich viele Menschen im Wald. Und ich habe mich irgendwann auf dem Boden nicht mehr sicher gefühlt, weil dort überall Polizisten in Vollmontur waren.“ Vor allem nachts, wenn sie sich von einem Baumhaus zum nächsten bewegt, hat Astrid Angst. „Die Flutlichtstrahler der Polizisten haben alles hell erleuchtet. Und wer mit einem Klettergurt erwischt wurde, wurde verhaftet.“ Eines Morgens ist es so weit: Astrids Baumhaus wird geräumt. Sie leistet zwar keinen aktiven Widerstand, verlässt das Haus aber auch nicht freiwillig, die Polizei geht mit ihr laut eigenen Angaben nicht gerade sanft um. Sie bekommt einen Platzverweis, darf den Wald nicht mehr betreten und muss nicht nur zusehen, wie ihre Freunde und Mitstreiter aus dem Wald getragen werden, sondern auch wie die Polizei Schneisen in den Wald schlägt und die Baumhäuser niederreißt. „Die Stimmung war schon ziemlich gewaltvoll. Aber es gab auch schöne Momente, beispielsweise, als die Firma, die die Hebebühnen, mit deren Hilfe uns die Polizei aus den Bäumen geholt hat, sagte, dass die Bühnen nicht mehr benutzt werden dürfen. Die Solidarität der Menschen war klasse.“

Nach der Räumung ist im Wald nichts mehr wie zuvor, Astrids Platzverweis erlischt nach einigen Tagen, sie betritt den „Hambi“ wieder: „Ich habe nichts mehr wiedererkannt, alles war kaputt. Das hat mich sehr traurig gemacht.“ Die Aktivisten ahnen, dass jetzt die Rodung der letzten Bäume des Walds beginnt, der einmal mehr als 4000 Hektar maß. Doch das Oberverwaltungsgericht Münster gibt der Klage des Bunds statt, am 5. Oktober 2018 wird die Räumung eingestellt, die geplante Rodung vorläufig gestoppt. „Wir konnten das zuerst gar nicht glauben, es hat eine Weile gedauert, bis wir realisiert haben, was das bedeutet.“

„Wir werden unseren Lebensstil komplett umkrempeln müssen“

Eine, die sehr froh ist, das Astrid unbeschadet aus dem Wald zurück nach Backnang gekommen ist, ist ihre Mutter Meike. „Natürlich hatten wir in der Räumungsphase Angst um sie. Wir hatten abgemacht, dass sie sich einmal pro Woche meldet.“ Meike kann nachvollziehen, wieso ihre Tochter sich so engagiert. „Auch in mir selbst wächst das Bewusstsein, dass wir nicht so weitermachen können, wie bisher. Wir haben nur eine Erde und wir müssen unseren bisherigen Lebensstil überdenken.“ Sie und ihr Mann besuchten die Tochter im Frühjahr sogar einmal in ihrem Baumhaus.

Der Hambacher Forst ist für Astrid viel mehr als ein Wald. „Er ist ein Symbol dafür, dass zu wenig getan wird, um den Klimawandel zu bekämpfen. Er ist ein Symbol für ein Leben, das nicht fremdbestimmt ist.“ Die junge Aktivisten ergänzt: „Ich denke, dass die Welt, wenn ich einmal so alt bin wie etwa meine Eltern oder Großeltern, sehr anders sein wird als jetzt. Wir können uns dieses übertriebene Luxusleben nicht mehr lange leisten. Wenn alle so leben würden wie die Durchschnittsdeutschen, bräuchten wir mehr als drei Erden, um alle zu versorgen. Wir werden unseren Lebensstil komplett umkrempeln müssen. Auch wenn das viele noch nicht einsehen, glaube ich, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem es gar nicht mehr anders geht. Damit will ich nicht sagen, dass wir in Zukunft alle in Baumhäusern leben sollten, aber wir sollten einfacher leben. Und ich denke, dass eine Senkung des Lebensstandards keine Senkung der Lebensqualität bedeuten muss, im Gegenteil.“ Zudem sei sie auch der Meinung, dass grundlegende, strukturelle Veränderungen in der Politik stattfinden müssen, da man sonst dem Klimawandel und der Umweltzerstörung nicht wirklich entgegensteuern könne. „Der Kapitalismus ist in einer Zeit, in der alle, die Geld besitzen, sowieso zu viel haben, nicht mehr zeitgemäß. An die Stelle des Kapitalismus muss ein neues Wirtschaftsmodell treten, das ohne Wachstum auskommt.“

Ob Astrid erneut in den Hambacher Forst fahren wird, weiß sie nicht. Doch der Kampf um den Wald ist noch nicht vorbei.

Wieder zu Hause und wohlbehalten bei ihrer Familie: Astrid aus Backnang. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Wieder zu Hause und wohlbehalten bei ihrer Familie: Astrid aus Backnang. Foto: A. Becher

Info
Der Streit um den Hambacher Forst

Als Hambacher Forst wird ein heute noch 200 Hektar großer Wald in Nordrhein-Westfalen zwischen Köln und Aachen bezeichnet. Seit den 70er-Jahren rodet der Energieversorger RWE den Wald zur Erweiterung seines Hambacher Braunkohle-Tagebaus.

Der Hambacher Forst gilt als Symbol des Widerstands der Anti-Kohlekraft-Bewegung gegen die Umweltzerstörung und Klimaschädigung durch die Kohlewirtschaft.

Nachdem die für den Bergbau in NRW zuständige Bezirksregierung Arnsberg den Hauptbetriebsplan des Tagebaus 2018 bis 2020 genehmigt hatte und eine Verbandsklage vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) abgewiesen wurde, wollte die RWE AG weitere Teile des Hambacher Forsts roden. Aus Gründen des Brutschutzes nach dem Bundesnaturschutzgesetz ist dies zwischen dem 1. Oktober und Ende Februar möglich.

Laut Gericht erklärte RWE damit bis zum 14. Oktober 2018 zu warten. Der BUND hat am 20. April 2018 erneut Klage gegen den genehmigten Hauptbetriebsplan erhoben und sieht im Hambacher Forst die Kriterien eines europäischen Naturschutzgebietes gegeben.

Die schwarz-gelbe Landesregierung unter Armin Laschet (CDU) entschloss sich im September 2018 für eine Räumung der seit 2013 im Wald existierenden Baumhäuser wegen angeblich mangelnden Brandschutzes. Sie begründete den Schritt als notwendig, um die Sicherheit der Besetzer zu gewährleisten. Einen Zusammenhang mit den geplanten Rodungen wies die Landesregierung zurück.

Nachdem die Rodung durch das Oberverwaltungsgericht Münster am 5. Oktober 2018 vorerst gestoppt wurde und eine Großdemo am Wald stattfand, stellte die Landesregierung die Räumung ein.

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Erstellt:
2. Januar 2019, 06:00 Uhr

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