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Metzger klagen über ausufernde Bürokratie

Die Politik hat auf Missstände in Industriebetrieben und beim Tierwohl mit immer mehr Auflagen reagiert. Die gelten auch für regionale Schlachtbetriebe. Nun fordern die Fleischerzeuger im Rems-Murr-Kreis mehr Augenmaß bei dem vielschichtigen Thema.

Fritz-Ulrich Kühnle ist überzeugt, dass nicht jede bürokratische Vorschrift etwas mit „gesundem Menschenverstand“ zu tun hat. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Fritz-Ulrich Kühnle ist überzeugt, dass nicht jede bürokratische Vorschrift etwas mit „gesundem Menschenverstand“ zu tun hat. Foto: A. Becher

Von Matthias Nothstein

BACKNANG/WINNENDEN. Die Arbeitsbedingungen in Großschlachtereien haben zuletzt die Schlagzeilen beherrscht. Eine Möglichkeit, den Missständen Herr zu werden, könnte sein, regionale Schlachtbetriebe besser zu unterstützen. In die Pflicht genommen sind dabei sowohl die Politik als auch die Kunden.

Die FDP/FW-Kreistagsfraktion des Rems-Murr-Kreises hat daher nicht nur ein ganzes Fragenpaket zu den Themen Fleischproduktion und Fleischverbrauch an die Kreisverwaltung zusammengestellt, sondern auch Landesinnungsmeister Joachim Lederer und Kreis-Obermeister Uli Fritz zu einem Pressegespräch nach Winnenden eingeladen. Gastgeber war Werner Häfele, der nicht nur einer der stellvertretenden FDP/FW-Fraktionsvorsitzenden ist, sondern praktischerweise auch Chef der gleichnamigen Metzgerei im Schelmenholz samt 18 Filialen. Der Tenor des liberalen Fragenkatalogs lautet: Wie können die lokalen Fleischerzeuger gegenüber der Fleischindustrie gestärkt werden? So wollen die Liberalen zum Beispiel von der Landkreisverwaltung wissen, wie sich die Verwaltungsvorgaben und der Verwaltungsaufwand in den vergangenen Jahren verändert haben. Oder ob verschärfte Regelungen seitens des Veterinäramts oder des Regierungspräsidiums zu einem Rückgang der Schlachtungen und der schlachtenden Betriebe im Landkreis geführt haben. Auf die Antworten darf man gespannt sein.

„Die Politik hat die industriellen Schlachtfabriken erst groß gemacht.“

Landesinnungsmeister Joachim Lederer braucht nicht die Antworten des Antrags abzuwarten, er weiß seit Jahren, an was es hakt. So geißelt er die Politik, die in der Vergangenheit die industriellen Schlachtfabriken erst groß gemacht und das Sterben der regionalen Schlachtbetriebe gefördert hat. Wenn er richtig in Fahrt ist, dann lässt er an den praxisfernen und immer strenger werdenden Vorschriften und Verordnungen und an der überbordenden Bürokratie kein gutes Haar. Auch für den Preiskrieg der Discounter bei den Produkten und für die Gedankenlosigkeit der Kunden hat der Südbadener markige Worte. Wer zum Beispiel im Discounter ein Kilogramm Hackfleisch für 3,99 Euro kaufe, für das er 12 Euro verlangen müsse, um seinen Betrieb aufrechterhalten zu können, der unterstütze „die ganze Lumperei“. Ein solcher Dumpingpreis sei „Lug und Trug“ und produziere nur Verlierer: Darunter leiden würden das Tier, der Arbeiter und auch der Kunde, da die Qualität des Fleisches nicht vergleichbar sei mit der, die ein regionaler Metzger liefern könne. Die geringen Schlachtgebühren der industriellen Schlachtfabriken bezeichnete Lederer als Wettbewerbsverzerrung. Wortgewaltig fällt sein Plädoyer für die regionalen Handwerksbetriebe aus. Sie seien extrem wichtig für die Gesellschaft. Sie bilden vor Ort aus und beschäftigen viele Menschen in Produktion, Vertrieb und Verkauf. Und ganz wichtig seien die regionalen Metzger für die lokale Landwirtschaft.

Werner Häfele plädierte dafür, die Strukturen, die noch da sind, zu erhalten. „Wenn nicht mehr vor Ort geschlachtet wird, hat die Landwirtschaft nicht mehr die Chance, ihre Tiere vor Ort abzusetzen.“ Mit der Konsequenz von langen Transportwegen für die Schlachttiere. Auch Jochen Haußmann, FDP-Landtagsabgeordneter und Kreisrat, warb dafür, den Verbrauchern die Unterschiede zwischen Discountern und Handwerksbetrieben noch deutlicher klarzumachen. Es gehe dabei um verschiedenste soziale Aspekte und um das Tierwohl. Dass nun ein neues Arbeitsschutzkontrollgesetz Werksverträge und Leiharbeit verbieten soll, habe auch für viele andere Branchen Auswirkungen, auch negative. Haußmann warnte. Es sei notwendig und richtig, die Ausbeutung von Arbeitern zu bekämpfen, aber ein Schnellschuss könne auch „unsere mittelständische Struktur schädigen und ihr Probleme bereiten“. Obermeister Uli Fritz erinnerte daran, dass die großen Fleischskandale der Vergangenheit – Stichwort BSE – der Grund dafür waren, dass die Politik mit strengeren Regeln reagiert habe. „Diese waren der Tod für viele Schlachtstätten in der Region, weil viele Kollegen diese Auflagen in ihren Metzgereien in den Ortskernen nicht mehr erfüllen konnten.“ Als Beispiel nannte er einen gekühlten Extraraum für Schlachtabfälle. Ein solcher sei auch für kleine Betriebe vorgeschrieben.

Fritz-Ulrich Kühnle, der Geschäftsführer der Backnanger Kühnle-Metzgerei, erklärte auf Nachfrage ebenfalls: „Landwirte, handwerkliche Schlachtbetriebe und große wie kleine Metzgereien – wir sitzen alle im selben Boot. Die Betriebe benötigen statt weiteren Auflagen und strengeren Gesetzen in erster Linie die Unterstützung von Politik und Verwaltung. Denn nur so können diese – langfristig und mit einer Perspektive für die Zukunft – ihre Aufgabe als regionale Primärversorger der Bevölkerung erfüllen.“

Der Backnanger Metzgermeister kritisiert besonders die ausufernde Pflicht zur Dokumentation. So gibt es derzeit ein Handbuch mit über 150 Seiten, in dem beschrieben ist, wie sämtliche Details des Betriebs zu dokumentieren sind. „Der Aufwand hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht, mit gesundem Menschenverstand hat das nichts mehr zu tun.“ Zudem glaubt Kühnle, dass Unterschiede zwischen einzelnen Verwaltungsbereichen gemacht werden. Er fordert: „Die Vorgaben sollen umgesetzt werden, dann aber bundesweit einheitlich und nach Größen differenziert.“ Nach Gesprächen mit Kollegen hat er derzeit den Eindruck, „dass es in anderen Landkreisen anders läuft“.

So sehr Kühnle gegen die Bürokratie wettert, so sehr verteidigt er die Vorgaben zum Tierschutz. Das Tierwohl hat seiner Auffassung nach höchste Priorität, „hier sollen und müssen alle Vorgaben ohne Wenn und Aber umgesetzt werden.“

Ob auch in Zukunft regionale Metzgereien eine Überlebenschance haben, hängt laut Kühnle nicht allein von deren Größe ab, sondern von einer Vielzahl an Faktoren: „Wer hat gute Mitarbeiter, einen guten Standort, gute Parkplätze, eine gute Kundenstruktur und eine geregelt Nachfolge?“ Wie seine Kollegen ist auch der Backnanger Metzger sehr gespannt darauf, welche Antworten die Landkreisverwaltung auf den Fragenkatalog gibt. Ob der Kreis etwa Möglichkeiten hat oder sie nutzt, die regionalen Strukturen der Fleischerzeugung zu erhalten oder gar auszubauen.

Immer mehr Verantwortung wird auf die Betriebe abgewälzt

Nicht nur der Arbeitsaufwand in den Schlachtbetrieben hat in den vergangenen Jahren stets nur zugenommen. Fritz-Ulrich Kühnle beklagt etwa, dass immer mehr Verantwortung auf den Lebensmittelunternehmer abgewälzt wurde und nennt dabei ein Beispiel aus der Praxis. Bis vor fünf Jahren wurden die Waagen in den Geschäften und im Betrieb in einem regelmäßigen Turnus vom Eichamt überprüft. Heute ist es Pflicht des Lebensmittelunternehmers, rechtzeitig die Prüfung beim Eichamt anzufordern. Wird dies versäumt, so droht eine Strafe.

Weil der Begriff „regional“ inflationär vom Handel verwendet wurde, wurden die Regelungen verschärft. Inzwischen darf ein regionaler Metzger nicht mehr mit „regional“ werben, wenn auch nur eines von 700 geschlachteten Rindern im Jahr von einem Bauernhof kommt, der statt der zulässigen 30 zum Beispiel 50 Kilometer entfernt ist.

Laut Kühnle fehlt es eindeutig an einer detaillierten Abgrenzung zwischen dem regionalen Handwerk und der Fleischindustrie.

Kühnle ist der einzige regionale und öffentliche Schlachthof im Rems-Murr-Kreis. Das heißt: Bauern können der Backnanger Metzgerei Tiere zur Schlachtung bringen. Das eigene Schlachthaus besitzt Kühnle seit dem Jahr 1976. Auf Bitte der Stadt Backnang hat sich Kühnle nach der Schließung des einstigen städtischen Schlachthofs seit dem Jahr 2005 bereit erklärt, dieses Schlachthaus auch für Landwirte oder Kollegen zur Verfügung zu stellen. Im rechtlichen Sinne ist Kühnle damit ein öffentliches Schlachthaus.

Pro Woche werden bei Kühnle ungefähr 20 Rinder und 150 Schweine geschlachtet. Die allermeisten Tiere kommen von regionalen Höfen, meist aus einem Umkreis von maximal 40 Kilometern.

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Erstellt:
22. August 2020, 06:00 Uhr

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