Nahwärme als Lösung etlicher Probleme

In Sulzbach an der Murr geht es bald mit der nächsten Erweiterung des Nahwärmenetzes weiter. Bis Ende Oktober sollen die Teilnehmer in der Gartenstraße, Jahnstraße und Fuchsgasse angeschlossen sein. Viele Anwohner sind von den Vorteilen überzeugt.

Zuletzt wurde das Nahwärmenetz im Jahr 2013 erweitert, damals war die Sulzbacher Ortsmitte an der Reihe. Nun wird das Netz in weitere Straßen fortgeführt. Foto: Gemeinde Sulzbach

© Gemeinde Sulzbach

Zuletzt wurde das Nahwärmenetz im Jahr 2013 erweitert, damals war die Sulzbacher Ortsmitte an der Reihe. Nun wird das Netz in weitere Straßen fortgeführt. Foto: Gemeinde Sulzbach

Von Ute Gruber

SULZBACH AN DER MURR. Christoph Lohrmann macht seine Arbeit derzeit sichtlich Freude. Als Projektingenieur Region Süd bei der Süwag ist er unter anderem zuständig für die Planung und Erstellung von Nahwärmenetzen aus regenerativen Energien, zum Beispiel in Sulzbach an der Murr und Großaspach. In Aspach läuft derzeit die Erfassung der Interessenten, die sich anschließen lassen möchten (wir berichteten), und das Telefon steht nicht still. Und auch aus Sulzbach würden sich immer mal wieder spontan Leute melden und nach dem Stand der Dinge fragen: „Unsere Ölheizung ist alt, der Kaminfeger macht Stress. Gibt es eine Perspektive, wann ihr mit der Nahwärme hierherkommt oder müssen wir selber was Neues anschaffen?“

Das sei nicht immer so gewesen, erinnert sich Lohrmann gut und vermutlich ungern an die 1990er-Jahre, als man im Auftrag der Gemeinde die Häuser im ersten Neubaugebiet Ziegeläcker I an die Nahwärme aus einer zentralen Hackschnitzelanlage anschließen wollte: „Da war enormer Widerstand da, gegen die Heizanlage und den Anschlusszwang der Gemeinde. Uns haben die Leute teilweise mit dem Rechtsanwalt gedroht. Dabei hatten wir das ja gar nicht zu entscheiden.“ Unmut über die Gängelei mag der Grund gewesen sein und vielleicht Angst vor der Abhängigkeit. Auch der Standort der zentralen Anlage wurde heiß diskutiert. Seinerzeit fand man einen Kompromiss durch die Zulässigkeit eines privaten Kaminofens in den eigenen vier Wänden. Und die Hackschnitzelanlage wurde konfliktarm beim Schulzentrum installiert.

Längst haben sich die Wogen geglättet und da es in all den Jahren keine nennenswerten Probleme gab, überwiegen die Vorteile des Systems: Keine Sorge um Nachschub an Heizöl oder Holz, kein Lärm und Gestank, nicht mal ein Tank oder Bunker wird benötigt – nur ein unscheinbarer Kasten im Keller mit der Wärmeübergabestation und der Messeinrichtung. Hier wird mittels Wasseruhr die Menge des abgenommenen warmen Wassers gemessen und aus der Differenz zwischen der Temperatur von Zulauf und Rücklauf die verbrauchte Wärme in Kilowatt präzise berechnet. Die Kilowattstunde (kWh) kostet dann 7,67 Cent. Das ist zwar deutlich billiger als ein elektrischer Ofen mit Stromkosten von über 20 Cent pro Kilowattstunde, aber bei den derzeit unterirdischen Erdölpreisen ist die Nahwärme immer noch etwas teurer als Wärme aus Heizöl, für die etwa 5 Cent je kWh anfallen, weil aus einem Liter Öl zehn kWh Energie gewonnen werden. „Trotzdem wollen die Leute wechseln“, stellt Lohrmann fest. Einerseits wüssten sie natürlich, dass der Heizölpreis wieder steigen wird, schon durch die steigende CO2-Abgabe, die ab 2021 sukzessive auf fossile Brennstoffe erhoben wird, aber „da ist auch ein Bewusstseinswandel: Die Leute wollen etwas für die Umwelt tun, für unser Klima“.

Und dafür ist das Nahwärmekonzept prädestiniert, zumal in Sulzbach: Über 90 Prozent werden hier laut Zertifikat aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt. Neben der zentralen Hackschnitzelanlage, die mit Abfallholz aus dem Schwäbischen Wald befeuert wird, kann seit 2012 die Abwärme aus der Biogasanlage Lautertal genutzt werden. Diese Abwärme entsteht als Nebenprodukt bei der Stromgewinnung aus Biomasse. Zum einen, wenn die Bakterien im Fermenter unter Luftabschluss ihr Futter aus Puten- und Pferdemist, Rindergülle, Silage aus Grünroggen, Mais, Luzerne und Gras zu Methan abbauen, zum anderen im Methan-Verbrennungsmotor, der die Stromturbine antreibt. Selbst aus dem Abgas wird die Wärme noch abgezogen. Kann ein Landwirt diese Abfallwärme nicht selbst durch angeschlossene Stallungen oder Gewächshäuser verwerten, ist der Verkauf ins Nahwärmenetz eine wichtige Einkommensquelle, die den Betrieb der Anlage erst rentabel macht. So auch bei der Betreiberfamilie Magenau.

„Die Wärme aus der Biogasanlage hat den Anschluss des Schulzentrums und der Ortsmitte ans Netz erst ermöglicht, sie liefert über 50 Prozent des Wärmebedarfs und reicht den kompletten Sommer über, um das Warmwasser für alle Nutzer zu erzeugen“, erklärt Diplomingenieur Lohrmann die Win-win-Situation, „da ist dann sogar Wärme übrig.“ Etwa um ein potenzielles Schwimmbad zu beheizen. Erst im kühlen Herbst schalte sich die Hackschnitzelanlage zu. Und erst dann, wenn’s draußen frostig wird, schaltet sich auch noch der heizölbetriebene Spitzenlastkessel im Schulzentrum ein. Das sind dann die 8,9 Prozent nicht regenerativen Energiequellen aus dem Zertifikat. Die komplette Steuerung von Zu- und Abschalten läuft vollautomatisch und wird von der Süwag in Ilsfeld per Fernwartung eingestellt und überwacht. Jede Störung geht an die Netzleitstelle und den Bereitschaftsdienst, der rund um die Uhr besetzt ist, sodass die Verbraucher normalerweise davon überhaupt nicht bemerken.

Erst bei einer Panne merken viele: Eine funktionierende Heizung ist zur Selbstverständlichkeit geworden.

Bis auf jenen fatalen Tag Anfang dieses Jahres mit Kälteeinbruch und Schneechaos: „Da wollte Projektingenieur Lohrmann wegen der Kälte per Fernsteuerung was optimieren und dann hat sich der Computer dort aufgehängt“, schildert selbiger sichtlich geknickt die Notlage. Der instruierte Regelungstechniker war zwar sofort losgespurtet, um das Problem vor Ort zu lösen, steckte aber dann – wie so viele an jenem Tag – stundenlang im Stau fest.

Im Wohngebiet wurden derweil die Heizkörper kalt und so mancher Bewohner wird bei dieser Gelegenheit gemerkt haben, wie selbstverständlich ihm die funktionierende Heizung geworden ist und wie gerne man darauf verzichtet, in solch einer chaotischen Situation einen Handwerker suchen zu müssen. Christoph Lohrmann jedenfalls ist es wichtig, den Pressetermin zu nutzen, um zu bekunden: „Es tut uns leid!“

Die nächste Erweiterung, die noch in diesem Jahr bis Ende Oktober angeschlossen werden soll, ist der Bereich Jahnstraße/Fuchsgasse/Gartenstraße, danach kommt die Bahnhofstraße dran. Hier ist vor allem der Neubau, der an Stelle des Sachs’schen Hauses entstehen soll, mit elf Wohneinheiten (wir berichteten) interessiert, auch die Kreissparkasse hat unlängst grünes Licht gegeben. In diesem hochwassergefährdeten Ortsteil hat die Nahwärme gegenüber der Ölheizung den Vorteil, dass man bei Überschwemmung nur Wasser im Keller hat. Das ist zwar immer noch ein großes Ärgernis, aber längst kein Vergleich mit einer stinkenden Erdölbrühe. Weitere Anfragen aus der Bahnhofstraße nimmt die Süwag gerne entgegen: „Je mehr mitmachen, umso günstiger wird’s.“

Alte Heizungen sind die ideale Voraussetzung, um bei der Umstellung auf das Nahwärmenetz bis zu 45 Prozent der Kosten aus dem Klimaschutzprogramm des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle erstattet zu bekommen. Deshalb macht man sich derzeit in der Gemeinde Gedanken über ein weiteres, geeignetes Wohngebiet für den Anschluss. Neubauherren dagegen bekommen zwar keine Umstellungsförderung, erfüllen aber alle Vorschriften, um eine KfW-Förderung zu bekommen: „Ziegeläcker III bekommt selbstverständlich ein Nahwärmenetz“, verspricht der Projektingenieur, der mittlerweile vom bösen Versorger zum Wunscherfüller befördert wurde. „Und wenn’s nicht reicht, bauen wir eben noch einmal eine Hackschnitzelanlage.“ Schadholz gibt es derzeit ja zu Genüge.

Aktuell sind 217 Gebäude am Wärmenetz angeschlossen

Die Gemeinde Sulzbach baute bei der Baugebietserschließung Ziegeläcker die Hauptleitung samt Vorverlegung ins Grundstück.

Die Süwag baute 1996/97 die Holzhackschnitzelanlage an der Festhalle beim Schulzentrum und übernahm die Heizzentrale des Schulzentrums. Über einen Gestattungsvertrag wurde die Süwag damit beauftragt, die Hausanschlüsse und die gesamte Wärmelieferung an die Endkunden im Baugebiet durchzuführen.

Aktuell sind 217 Gebäude angeschlossen und 5100 Meter Nahwärmeleitung verlegt. Der Wärmebedarf liegt bei 5,8 Millionen Kilowattstunden, dafür wird eine Heizleistung von etwa 3,75 Megawatt bereitgestellt; 54,7 Prozent liefert die Biogasanlage, 36,4 Prozent der Holzhackschnitzelkessel, 8,9 Prozent kommt aus Heizöl. Der Deckungsanteil durch Biomasse liegt bei über 95 Prozent. Das entspricht etwa 1300 Tonnen CO2-Einsparung pro Jahr.

Die Daten der Wärmeerzeuger:

– Biogasanlage (Grundlast): 550 kW

– Holzhackschnitzelanlage (Mittellast): 800 kW

– Spitzenlast-/Reservekessel (mit Heizöl betrieben): zweimal 1200 kW

Mehr Informationen gibt es unter der Telefonnummer 07062/2393-177 oder per E-Mail an christoph.lohrmann@suewag.de.

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Erstellt:
16. Februar 2021, 06:00 Uhr

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