„Prägende Bilder extremer Zerstörung“

Die Einsatzkräfte des THW-Ortsverbands Backnang sind nun wieder alle aus den Schadensgebieten der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wiedergekehrt und gönnen sich eine kurze Verschnaufpause. Wir haben mit dem Zugführer Steffen Hoffmann gesprochen.

THW-Zugführer Steffen Hoffmann steht hier an einem Straßentunnel in Altenahr, durch den das Wasser geschossen ist, das dahinter alles zerstört hat. Fotos: THW Backnang

THW-Zugführer Steffen Hoffmann steht hier an einem Straßentunnel in Altenahr, durch den das Wasser geschossen ist, das dahinter alles zerstört hat. Fotos: THW Backnang

Von Bernhard Romanowski

Backnang. Im Ortsverband Backnang des Technischen Hilfswerks (THW) gehören Rührseligkeit oder Gefühlsduselei nicht zur Kernkompetenz. Aber wenn Zugführer Steffen Hoffmann von den jüngsten Erfahrungen erzählt, die er und seine Kollegen im Flutkatastrophengebiet in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gemacht haben, merkt man an der ein oder anderen Stelle doch, wie sehr das die Einsatzkräfte berührt hat. Am Wochenende sind wieder alle Backnanger THW-Leute zurückgekehrt. Allzu lange können sie aber nicht durchschnaufen. Im Oktober geht es wieder in die von der verheerenden Flut betroffenen Gebiete, unter anderem, um die Kontrolle der Pegelstände von Flüssen wie der Ahr, Erft und der Urft im Auge zu behalten.

Freilich waren nicht alle rund 70 einsatzfähigen THW-Kräfte aus Backnang in den vergangenen Wochen permanent im Katastrophengebiet im Einsatz. Sie wechselten sich zumeist wochenweise ab. Insgesamt waren rund 4000 THW-Leute der Landesverbände aus ganz Deutschland dort im Einsatz und übernahmen wechselweise verschiedene Aufgaben, auch im Zusammenspiel etwa mit Feuerwehr, Polizei und Bundeswehr. Steffen Hoffmann ist voll des Lobes, wie gut das geklappt hat, zumal sich die Akteure ja vorher nicht kannten und ad hoc miteinander kooperieren mussten.

Zu tun gab es jedenfalls genug, nachdem die Flutkatastrophe Mitte Juli ihren Lauf genommen und mindestens 181 Menschen das Leben gekostet hatte. Anfangs waren die Backnanger Kräfte vorwiegend an der Steinbachtalsperre im nordrhein-westfälischen Euskirchen eingesetzt. Das Bauwerk drohte zu brechen und die angrenzenden Ortschaften zu überfluten. Die Backnanger kontrollierten mit ihren mobilen Spezialgeräten den Pegel des Stausees, bis das Wasser nach einigen Schwierigkeiten abgelassen werden konnte. Sie übernahmen als Abschnittsleitung auch Aufgaben im Bereich Führung, kümmerten sich um den Transport von Baumaterialien und Diesel für die Radlader und Bagger, schafften zum Teil in kürzester Zeit Zeltheizungen für die Unterkünfte der Einsatzkräfte sowie Fahrbahnplatten herbei, damit sich die beschädigten Straßen unter der Last der schweren Fahrzeuge der Hilfsorganisationen und der Panzer der Bundeswehr nicht in Matschpisten auflösten. Auch in der Führungsstelle im Bereich Verpflegung waren sie tätig – am Nürburgring war ein Bereitstellungsraum eingerichtet worden, wo zu Stoßzeiten bis zu 5000 Einsatzkräfte morgens, mittags, abends und für Nachteinsätze verpflegt werden mussten, wie Hoffmann berichtet.

Eine Fachkraft aus Backnang war mit anderen Einsatzkräften im Bereich Elektrotechnik eingesetzt. Hier ging es darum, die Netzinfrastruktur bis zum Stromanschlusskasten in den Gebäuden wieder herzustellen. „Somit bekommen Stück für Stück die einzelnen Straßenzüge und Gebäude wieder Strom“, erklärt Hoffmann. Auch im Brückenbau ist das THW federführend aktiv. Denn neben Straßen und Häusern hatten auch diese Bauwerke massiv gelitten, was insbesondere im Ahrtal massive Probleme bereitete. Von kriegsähnlichen Zuständen spricht Hoffmann, was ihm auch einige Bundeswehrsoldaten mit Einsatzerfahrung in Kriegsgebieten bestätigten. Das Wasser rauschte in verschiedenen Orten wie Schuld und Bad Münstereifel bis zu einer Höhe von über zehn Metern durch die Straßen. Hoffmann: „Nicht auszudenken, wenn uns das im Remstal oder Murrtal widerfährt. Aber das kann uns genauso passieren.“ Der Backnanger hat noch die dramatischen Schilderungen von Betroffenen im Ohr. Von einem Mann etwa, der das Haus mit seiner Familie darin in den braunen Fluten verschwinden sah. Auch die Frau, die vor ihm stand und nichts mehr besaß außer der zerschlissenen Kleidung am Leib, geht Hoffmann nicht aus dem Kopf. Die Szene, als er allein im Trümmerfeld stehend das Ausmaß des Unglücks zu begreifen versuchte, während irgendwo ein Stromaggregat monoton vor sich hin brummte, wird er ebenfalls so schnell nicht vergessen.

„Diese Bilder extremer Zerstörung sind einfach prägend“, bekennt er. Doch auch die Dankbarkeit der Betroffenen und die Hilfsbereitschaft aus ganz Deutschland bleiben ihm unvergessen.

Foto: THW Backnang
Die Daten des mobilen Hochwasserpegels leitet Marvin Häußer aus Backnang alle fünf Minuten direkt an das Hochwasservorhersagezentrum sowie an die Einsatzleitung weiter.

Die Daten des mobilen Hochwasserpegels leitet Marvin Häußer aus Backnang alle fünf Minuten direkt an das Hochwasservorhersagezentrum sowie an die Einsatzleitung weiter.

„Prägende Bilder extremer Zerstörung“

© Bianca Lobe

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Erstellt:
15. September 2021, 06:00 Uhr

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