Public Viewing in einer Backnanger Garage

Eine Nachbarschaftsgemeinschaft unterstützt die deutsche Nationalmannschaft seit der Weltmeisterschaft 2006 vor der Leinwand. Dass Deutschland in diesem Jahr Europameister wird, stellt hier niemand infrage – das ist bereits so gut wie ausgemacht.

Ausgelassener Jubel nach einem Tor der deutschen Nationalmannschaft bei der aktuellen Heim-Europameisterschaft. Fotos: Andreas Ziegele

Ausgelassener Jubel nach einem Tor der deutschen Nationalmannschaft bei der aktuellen Heim-Europameisterschaft. Fotos: Andreas Ziegele

Von Andreas Ziegele

Backnang. Noch sind nicht alle Abläufe wieder eingespielt und die Tische und Stühle dort, wo sie hingehören. „Wo hatten wir immer das Salatbuffet? Hatten wir zwei Grills oder nur einen?“ Diese Fragen sind an diesem Abend in einer Hofeinfahrt im Seelacher Weg zu hören. Die Pause durch die Winter-Weltmeisterschaft in Katar 2022 hat ihre Spuren hinterlassen. Seit 2006 trifft sich die Nachbarschaft in einer leer geräumten Garage, um gemeinsam die Spiele der deutschen Nationalmannschaft zu schauen. Vom Sommermärchen bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land über den Weltmeistertitel in Brasilien gegen Argentinien bis hin zum erstmaligen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft in der Gruppenphase in Russland wurde in der Garage gefeiert oder getrauert. Nur die Weltmeisterschaft in Katar im November und Dezember 2022 wurde ausgelassen. „Da war es schlicht und einfach zu kalt und ich hatte keine Möglichkeit, die Garage zu beheizen“, sagt der Garagenbesitzer Rainer Kuhn. Doch nun hat er wie schon in den vergangenen Jahren sein Auto aus der Garage geholt und diese als Public Viewing Area für die Nachbarschaft zur aktuellen Europameisterschaft freigegeben.

Hier ist nicht nur zu Welt- und Europameisterschaften etwas los

Schon in der Hofeinfahrt ist zu erkennen, welcher Mannschaft hier die Daumen gedrückt werden. Links und rechts hängen Deutschlandfahnen an den Häusern. Die Autos im Carport und auf den Stellplätzen sind mit Fahnen geschmückt. Auf einem Balkon hängt sogar ein schwarz-rot-goldener Beutel mit Wäscheklammern an einem Wäscheständer. Auch die Garage hat sich in den Tagen vor der Europameisterschaft verändert. Fahnen, Wimpel, Plakate, der aktuelle Spielplan und Fotos aus den vergangenen Jahren schmücken die Wände. Ein Beamer ist professionell an der Decke montiert, die Leinwand in Position gebracht. Schon drei Stunden vor dem Anpfiff herrscht reges Treiben im Höfle. So nennen die fünf Nachbarsfamilien die Gemeinschaft beziehungsweise den Ort, an dem sie teilweise schon seit über 30 Jahren leben. Doch nicht nur bei Welt- und Europameisterschaften ist hier etwas los. Auch sonst trifft man sich regelmäßig zum Feiern. „Seit mehr als 25 Jahren veranstalten wir jährlich ein Höflesfest“, sagt Anton Steckl. Außerdem gibt es einen Höflesweihnachtsmarkt, runde Geburtstage und viele andere Anlässe, die mit kleineren oder größeren Treffen gefeiert werden. „Wenn einer von uns mit Foto in der Backnanger Kreiszeitung auftaucht, muss er ein sogenanntes Zeitungsbier spendieren, das dann gemeinsam getrunken wird“, ergänzt Steckl.

Doch zurück zum Public Viewing: Vor der Garage ist inzwischen ein Grill aufgebaut und in Position gebracht, das Salatbuffet beginnt sich zu füllen. „Bei uns ist es üblich, dass jeder sein Grillgut selbst mitbringt und die Salate von allen für alle zubereitet werden“, erklärt Angelika Kuhn. Schon sind die ersten Kinder da, Mira und Lino. Die Achtjährige und ihr sechsjähriger Bruder sind noch zurückhaltend. Offenbar können sie sich nicht mehr so recht erinnern, was hier in den vergangenen Jahren bei Welt- und Europameisterschaften los war. Doch den Kindergeburtstag, der zuvor noch gefeiert wurde, beendete Lino selbst: „Jetzt geht die Europameisterschaft los!“ Mit diesen Worten wurden die Geburtstagsgäste nach Hause verabschiedet. Es gab Zeiten, da waren es mehr als zehn Kinder, die heute alle erwachsen sind. Einige von ihnen sind auch an diesem Abend wieder dabei. Inzwischen mit Freund oder Freundin oder als Ehemann und Ehefrau.

Schon bei der Heim-Weltmeisterschaft 2006 wurde in der Garage gefeiert.

Schon bei der Heim-Weltmeisterschaft 2006 wurde in der Garage gefeiert.

Dass die meisten im Deutschlandtrikot erschienen sind, versteht sich von selbst. Auffällig ist, dass kein aktuelles Trikot der deutschen Nationalmannschaft dabei ist, weder das traditionelle schwarz-weiße noch das – auch in der Nachbarschaft – viel diskutierte pinkfarbene Auswärtstrikot. „Die sind mit über 100 Euro einfach zu teuer“, sagt Willem Haag. Auch wenn das Trikot bei den Turnieren 2018, 2021 und 2022 nur zehn Euro günstiger war, ist hier wohl die preisliche Schmerzgrenze erreicht. Dafür kommen andere Fandevotionalien zum Einsatz. Zum Beispiel die Blumenketten in Schwarz-Rot-Gold oder die Vuvuzela, die schon bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika eingesetzt wurde. Nur der Schminkstift in den deutschen Nationalfarben hat seinen Geist aufgegeben und kann nicht mehr verwendet werden.

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Auch wenn die Bewohner der Häuser in all den Jahren immer wieder gewechselt haben, beim Fußball waren alle von Anfang an dabei. Steffi Hansen und Christian Hamann feiern an diesem Abend ihre Fußballpremiere im Höfle. „Wir haben hier im Höfle schon einige Feste gefeiert, aber heute sind wir zum ersten Mal beim Fußballgucken dabei“, sagt Hamann, der mit Hansen vor zwei Jahren ins Höfle gezogen ist. Manche, die weggezogen sind, kommen zum Teil wieder, um sich das Erlebnis nicht entgehen zu lassen. Nachdem die Speisen vom Grill serviert sind und nun gemeinsam gegessen wird, beginnt die Vorberichterstattung im Fernsehen.

Während des Spiels darf nicht gegessen und dürfen keine Getränke geholt werden

„Haben alle schon was gegessen und sich ein Getränk geholt?“, fragt Rainer Kuhn zehn Minuten vor Anpfiff. Denn eines ist nicht erlaubt: Während des Spiels darf weder gegessen noch Nachschub an Getränken geholt werden. Plötzlich wird es still in der Garage, als die deutsche Nationalhymne aus den Lautsprechern ertönt. Alle stehen auf oder bleiben stehen, nicht alle singen mit, aber eine feierliche Stimmung macht sich breit, bevor alle wieder ihre Plätze einnehmen, die einen an den Biertischen, die anderen an den Wänden links und rechts. Einige haben schon wieder ihren Stammplatz aus den Vorjahren gefunden. Kaum ist der Anpfiff erfolgt, schlägt die Stimmung um, laute Zwischenrufe, langgezogene Oohs und Aahs sind zu hören. Von fast allen Plätzen der Garagenarena wird angefeuert und gecoacht. „Du musst den Ball lang spielen“, heißt es an die Adresse von Toni Kroos oder „Flank doch endlich“ an Maximilian Mittelstädt, als ob die beiden Spieler die Anweisungen befolgen könnten. Als dann Florian Wirtz den Ball aus guter Position über das Tor schießt, ist sich einer sicher, dass er der bessere Fußballer ist: „Denn hätte ich reingemacht!“, ruft er aus voller Überzeugung.

Dann ist Pause und alle atmen erst einmal durch. Für einen kurzen Moment löst sich die Gesellschaft auf. Es gilt, sich mit Kaltgetränken für die zweite Halbzeit einzudecken oder menschlichen Bedürfnissen nachzugehen. Für die Kinder ist es inzwischen spät geworden. Aber alle Überzeugungsarbeit, dass es jetzt Zeit ist, ins Bett zu gehen, ist zwecklos. Auch die zweite Halbzeit wird hoch konzentriert verfolgt. Zuvor gab es vor der Garage die Halbzeitanalyse von einigen Fußballexperten oder solchen, die sich dafür halten. Als die zweite Halbzeit angepfiffen wird, nehmen alle wieder ihre Plätze ein. In der Bewertung des Spiels sind sich die Nachbarn nicht unbedingt einig. Von „Das wird heute nichts“ bis hin zu „Es ist noch alles drin“ gehen die Meinungen auseinander. Mittlerweile haben auch die weiter weg wohnenden Nachbarn mitbekommen, dass im Höfle wieder ein Fußballevent stattfindet. Der Geräuschpegel ist mittlerweile so hoch, dass man sich Sorgen um die Garage oder das Gehör der Kinder machen muss. Offensichtlich vom Jubel angelockt, taucht ein weiterer Nachbar auf, der zwar nicht zur Höflesgemeinschaft gehört, aber dank der mitgebrachten Getränke trotzdem freundlich begrüßt wird.

Dann ist das Spiel zu Ende. Die Aufräumarbeiten beginnen, während auf dem Garagenvorplatz auch zu später Stunde noch intensiv über das Spiel diskutiert wird. Wenig später senkt sich das Garagentor und die Nachbarschaft verabschiedet sich. Aber nicht für lange. Denn schon in wenigen Tagen steht das nächste Spiel der deutschen Mannschaft an.

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Erstellt:
28. Juni 2024, 11:30 Uhr

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