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Stark und sicher – auch mit Handicap

Die Backnanger Ballettschule Rüter bietet derzeit einen besonderen Selbstverteidigungskurs an: Er richtet sich an Kinder und junge Heranwachsende mit Beeinträchtigungen ab einem Alter von zehn Jahren. Initiiert und angeleitet wird der Kurs von Daniel Gomes.

Selbstverteidigungskurs mit Trainer Daniel Barreira Gomes: Die Mädchen und Jungen absolvieren das Training in der Backnanger Ballettschule Rüter. Foto: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Selbstverteidigungskurs mit Trainer Daniel Barreira Gomes: Die Mädchen und Jungen absolvieren das Training in der Backnanger Ballettschule Rüter. Foto: T. Sellmaier

Von Gabriella Lambrecht

BACKNANG. Daniel Gomes ist Experte für Kampfkunst und zertifizierter Übungsleiter für Kinderturnen. Er hat sich durch zahlreiche Weiterbildungen in den Bereichen Diagnostik und Psychomotorik weitergebildet und ist damit also optimal ausgebildet für dieses Selbstverteidigungstraining. Der Ansatz, den er verfolgt, ist individuell auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Teilnehmers ausgerichtet – ganz gleich welche Form der Beeinträchtigung vorliegt.

Direkt in den ersten Minuten mit Daniel Gomes spürt man, wie wichtig ihm dieses Thema ist: „Mein Herzensanliegen ist es, auch Menschen mit Behinderung eine Möglichkeit zu geben, sich zu schützen, so wie es für sie nach ihren Möglichkeiten geht und sich richtig anfühlt.“

Damit trifft er genau ins Schwarze, wie sich im Gespräch mit Bianca Mitroi aus Aspach bestätigt. Die Mutter des zehnjährigen David, der ebenfalls am Kurs teilnimmt, erzählt: „David hatte schon mal an einem anderen Selbstverteidigungskurs teilgenommen, der aber nicht speziell auf Menschen mit Beeinträchtigungen ausgerichtet war. Das war einfach nicht seins, weil er sich nicht körperlich verteidigen wollte und nicht nachvollziehen konnte, warum er nun aus seiner Sicht ‚kämpfen‘ sollte. Daniel Gomes ist richtig toll auf die Teilnehmer eingegangen und hat ihnen auch gezeigt, wie man sich verbal verteidigen kann.“

Kommunikation betrachtet Gomes als essenziell für jede Form der Selbstverteidigung: „Kommunikation ist eine viel stärkere Waffe, als sich körperlich zu verteidigen. Durch Reden ist oft sehr viel mehr zu erreichen.“ – „Auch Menschen mit sprachlichen Beeinträchtigungen können sich mitteilen“, erklärt Gomes weiter, „sodass die Vorgesetzten oder Lehrkräfte sie wahrnehmen und verstehen können, wenn sie Hilfe brauchen. Es gibt immer Verbindungspunkte und Wege der Kommunikation.“

Im Selbstverteidigungskurs geht es ihm in erster Linie darum, den Teilnehmern das Selbstvertrauen zu geben, für sich einzustehen und auch laut nach Hilfe und Unterstützung zu rufen: „Viele müssen sich nicht nur gegen körperliche Übergriffe wehren, sondern auch gegen Mobbing – sei es in der Schule oder am Arbeitsplatz. Ich motiviere dazu, die zur Verfügung stehenden Kanäle der Kommunikation zu nutzen, ganz gleich welche es sind. Sie sollen wissen, dass niemand ihnen wehtun wird, nur weil sie mutig sind. Denn gerade weil sie mutig sind und sich Hilfe suchen, können sie sich selbst aus Gefahrensituationen befreien.“ Dennoch spielte auch die Verteidigung gegen körperliche Übergriffe eine Rolle in dem Kurs. Thomas Wildermuth und seine Frau begleiteten Tochter Samara: „Samara ist eine junge Frau mit körperlicher Beeinträchtigung. Wir möchten alles tun, um sie zu stärken und auch vor potenziellen sexuellen Übergriffen zu schützen.“

Zunächst geht es vor allem darum, das Selbstbewusstsein zu stärken.

Daniel Gomes möchte auch im Hinblick auf körperliche Übergriffe in erster Instanz das Selbstbewusstsein der Teilnehmer stärken. Es geht nicht darum, spezielle Techniken der Kampfkunst zu erlernen, sondern sich einfach, instinktiv und intuitiv zu verteidigen – auch als kleinere Frau.

„Ich versuche den Teilnehmenden zu erklären, dass Größe und Stärke keine Rolle spielen: Solange du innerlich groß bist, ist es egal, wie groß du äußerlich bist“, erläutert Gomes. Weiter erklärt er, dass potenzielle Aggressoren häufig nicht mit Gegenwehr rechnen und entsprechend schnell wieder ablassen, wenn man ihnen entschieden entgegentritt. Dies übte er auch an dem sommerlichen Samstagnachmittag ausführlich ein. Luisa Härtel berichtet: „Mir hat es richtig gut gefallen, als Daniel uns gezeigt hat, wie man sich mit den ‚Tigerkrallen‘ verteidigen kann. Er hat alles sehr verständlich erklärt. Ich würde echt gerne wieder mitmachen.“ Ihre Freundin Samara Wildermuth stimmt zu: „Es war toll und hat echt Spaß gemacht! Ich musste so richtig loslachen, als wir geübt haben, so laut es geht zu schreien. Ich wusste gar nicht, dass Luisa so laut brüllen kann.“

Die positive Gruppendynamik ist förmlich zu spüren. Auch Davids Mutter, Bianca Mitroi, ist begeistert von der positiven Atmosphäre in der geschlechtergemischten Gruppe und hofft, dass das Angebot weiter fortgesetzt wird: „Es wäre toll, wenn man weiter in Kontakt bleiben könnte. David ist eigentlich eher zurückhaltend, aber heute kam er richtig aus sich raus.“

Es ist ganz offensichtlich, wie viel Herzblut Daniel Gomes neben seiner fachlichen Kompetenz in diesen Kurs einbringt – und der Erfolg gibt ihm recht: Die Teilnehmer hatten Spaß, fühlen sich bestärkt und wünschen sich noch mehr gemeinsame Begegnungen im Selbstverteidigungskurs.

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Erstellt:
10. August 2020, 06:00 Uhr

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