Zwei Frauen auf dem Sprung nach Berlin

Bundestagswahl 2021: Wenn am 26. September der neue Bundestag gewählt wird, steht auch im Wahlkreis Backnang/Schwäbisch Gmünd ein Wechsel an. Die Abgeordneten Norbert Barthle (CDU) und Christian Lange (SPD) treten nicht mehr an, zwei Frauen wollen sie beerben.

Am 26. September entscheidet sich, wer von den Kandidaten in den Bundestag einzieht. Archivfoto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Am 26. September entscheidet sich, wer von den Kandidaten in den Bundestag einzieht. Archivfoto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

Backnang. Seit 1965 gibt es den Wahlkreis Backnang/Schwäbisch Gmünd, das Direktmandat ging seitdem immer an den Kandidaten der CDU. Allein schon deshalb geht auch die neue Unionskandidatin Inge Gräßle als Favoritin ins Rennen. Allerdings ist sie gewarnt, denn bei der Landtagswahl im März ging der als tiefschwarz geltende Wahlkreis Backnang erstmals an die Grünen. „Die Vorstellung, dass noch irgendein Wahlkreis eine gemähte Wiese ist, ist falsch“, weiß Gräßle. Gleichwohl geht sie selbstbewusst in den Wahlkampf: „Ich will das Direktmandat“, sagt die 60-Jährige, wobei sie auf Platz fünf der CDU-Landesliste selbst im Falle einer Niederlage gute Chancen auf den Einzug in den Bundestag hätte.

Für Gräßle ist es zwar die erste Bundestagskandidatur, doch die gebürtige Heidenheimerin ist ein alter Hase im Politikgeschäft: Acht Jahre saß sie im Landtag von Baden-Württemberg, 15 Jahre war sie Mitglied des Europaparlaments, außerdem war sie Landesvorsitzende der Frauenunion. Ihre Erfahrung sieht sie auch als Trumpf bei der anstehenden Wahl. „Deutschland steckt in der größten Krise der Nachkriegszeit“, sagt sie mit Blick auf die Coronapandemie und das bevorstehende Aus für den Verbrennungsmotor. Da brauche es eine erfahrene Abgeordnete, die die Region kennt und ihre Verbindungen in Berlin für die Interessen ihres Wahlkreises einsetzt.

Ebenfalls mit einer Frau, allerdings aus einer anderen Generation, gehen die Grünen im Wahlkreis 269 an den Start. Ricarda Lang ist gerade mal 27 Jahre alt, hat es in ihrer Partei aber schon weit gebracht. Die in Nürtingen aufgewachsene Politikerin ist bereits stellvertretende Bundesvorsitzende und frauenpolitische Sprecherin im Bundesvorstand. Nun will sie auch in den Bundestag einziehen, was ihr dank Platz zehn auf der Landesliste unabhängig vom persönlichen Wahlergebnis schon so gut wie sicher ist. Den Wahlkreis habe sie für ihre Kandidatur ausgewählt, weil sie früher oft bei ihrem Vater in Schwäbisch Gmünd gewesen sei, erzählt Lang. Und obwohl ihr Lebensmittelpunkt mittlerweile in Berlin und das Parteiamt ein Vollzeitjob ist, will sie als Abgeordnete regelmäßig in der Region präsent sein. „Ich werde mir ein Zimmer im Wahlkreis suchen und habe den Anspruch, für die Bürgerinnen vor Ort da zu sein“, sagt Lang. Das Direktmandat will sie Gräßle nicht kampflos überlassen: „Ich spüre im Wahlkreis eine große Wechselstimmung.“

Die Bewerber der vier anderen im Bundestag vertretenen Parteien haben schlechte Karten, gewählt zu werden. Einen aussichtsreichen Listenplatz konnte keiner von ihnen ergattern und die Chancen auf das Direktmandat sind ebenfalls überschaubar. So geht es etwa für den erst 20 Jahre alten SPD-Kandidaten Tim-Luka Schwab in erster Linie darum, für ein möglichst gutes Parteiergebnis zu kämpfen. In seiner Heimatstadt Schwäbisch Gmünd wurde der Student 2019 mit gerade mal 18 Jahren in den Gemeinderat gewählt, außerdem leitet er bereits den Gmünder SPD-Ortsverband. Dass ihn seine Partei bei der Aufstellung ihrer Landesliste auf den allerletzten Platz gesetzt hat, hat Schwabs Motivation nicht geschmälert. „Ich sammle durch diesen Wahlkampf viele wichtige Erfahrungen, die mich persönlich weiterbringen“, sagt der Kandidat, der in Gmünd die Fridays-for-Future-Proteste mit organisiert hat. Auch von schlechten Umfrageergebnissen lässt sich der Sozialdemokrat nicht schrecken: „Ich glaube, für die SPD ist bei dieser Wahl noch viel drin.“

Die AfD schickt bei der Bundestagswahl Andreas Wörner ins Rennen. Wörner stammt aus dem Ostalbkreis, wo er auch Mitglied des Kreistags ist. Der 56-jährige Fertigungsplaner in der Automobilzuliefererindustrie hat sich infolge der Flüchtlingskrise 2015 verstärkt politisch engagiert und ist seit November 2018 Mitglied der AfD. Da er keinen Listenplatz innehat, schätzt Wörner seine Chancen als „recht bescheiden“ ein. „In den Bundestag wird es nicht reichen, aber ich bin trotzdem bemüht, einen ordentlichen Wahlkampf zu liefern.“ Als eines der bestimmenden Themen hat der Schwäbisch Gmünder das Klima und den Umweltschutz ausgemacht. Hier gelte es, die CO2-Steuer abzuschaffen, die Wörner als unsozial bezeichnet.

Erst seit zwei Jahren ist FDP-Kandidat David-Sebastian Hamm Parteimitglied, allerdings fühlt er sich den Liberalen schon länger verbunden und hat bereits den früheren Bundestagsabgeordneten Hartfrid Wolff im Wahlkampf unterstützt. Den Wunsch, sich selbst um ein Mandat zu bewerben, habe er gespürt, weil Deutschland in vielen Bereichen ins Hintertreffen geraten sei, sagt der 44-Jährige. Als Beispiel nennt er das Thema Digitalisierung. Die Kinder hätten darunter nun zu leiden: „Wir sind gerade dabei, eine Generation von Verlierern zu produzieren“, sagt der Vater von zwei Kindern. Der studierte Betriebswirt hat allerdings kaum Chancen auf einen Sitz im Parlament: Auf der Landesliste seiner Partei steht er nur auf Platz 31.

Ähnlich gering sind die persönlichen Erfolgschancen von Annette Keles, die für die Linke kandidiert. „Ich möchte mit meiner Kandidatur dazu beitragen, dass wir in Deutschland eine Mehrheit links von der Mitte bekommen“, sagt die 69-Jährige, die dem Kreisvorstand der Linken angehört und bereits bei der Landtagswahl im März im Wahlkreis Backnang angetreten war. Die promovierte Soziologin ist der Meinung, „dass unsere Gesellschaftsordnung soziale Ungerechtigkeit produziert“ und fordert deshalb „neue Konzepte, um einen Wandel herbeizuführen“. Annette Keles ist gebürtige Dortmunderin, lebt aber seit 30 Jahren in Backnang. Sie hat eine eigene Firma und ist Dozentin an der Dualen Hochschule für Sozialwesen in Stuttgart.

Inge Gräßle

© Thomas Zehnder

Inge Gräßle

Tim-Luka Schwab

© Jörg Fiedler

Tim-Luka Schwab

Ricarda Lang

Ricarda Lang

Annette Keles

Annette Keles

Andreas Wörner

© SANDRA EHINGER

Andreas Wörner

David Hamm

David Hamm

So berichtet unsere Zeitung über den Wahlkampf

Wahlkampfkalender In den kommenden Wochen werden die Kandidatinnen und Kandidaten viel in der Region unterwegs sein. In unserem Wahlkampfkalender geben wir einen Überblick über die geplanten Aktionen und Veranstaltungen rund um die Bundestagswahl.

Kandidaten im Porträt In einer kleinen Serie wollen wir die Bewerberinnen und Bewerber der im Bundestag vertretenen Parteien noch etwas ausführlicher vorstellen. Dafür treffen wir uns mit ihnen an einem Ort, an dem sie gerne ihre Zeit verbringen. Dort wollen wir ins Gespräch kommen und neben politischen Zielen auch den Menschen dahinter ein bisschen besser kennenlernen.

Positionen im Vergleich Wie stehen die Bundestagskandidaten zum B-14-Ausbau? Wie wollen sie die heimische Automobil- und Zulieferindustrie unterstützen? Und wie wollen sie den Klimaschutz im Raum Backnang voranbringen? Auf einer Sonderseite vor der Wahl vergleichen wir die unterschiedlichen Positionen und schaffen dadurch Transparenz.

Wahlveranstaltungen Einige Bewerber bekommen im Wahlkampf Unterstützung von prominenten Bundespolitikern. Auch darüber werden wir berichten, im Sinne der Gleichbehandlung aber nur einmal pro Partei. Bei Podiumsdiskussionen mit Vertretern mehrerer Parteien entscheidet die Redaktion im Einzelfall.

Leserbriefe mit Bezug zur Bundestagswahl müssen bis Montag, 20. September, in der Redaktion vorliegen. Sie werden letztmals am Mittwoch, 22. September, veröffentlicht.

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Erstellt:
7. August 2021, 06:00 Uhr

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