Wird der Traum jetzt wahr?

Nach dem Einzug ins Halbfinale der Europa League hofft Eintracht Frankfurt auf den großen Coup

Eintracht Frankfurt zieht ins Halbfinale der Europa League ein – und deshalb werden nun wunderbare Erinnerungen wach an den Titelgewinn der Hessen im Jahr 1980.

Frankfurt Als die Euphorie keine Grenzen mehr zu kennen schien, siegte doch noch die Vernunft. Mit 2:0 hatte die Frankfurter Eintracht gerade Benfica Lissabon besiegt und so nach dem 2:4 im Hinspiel doch noch den Einzug ins Halbfinale der Europa League geschafft. Eintracht-Vorstand Axel Hellmann sprach später von „einem großen, ja historischen Abend“ für den Verein. Erstmals seit 39 Jahren stehen die Frankfurter in einem Europapokal-Halbfinale. Damals, im Jahr 1980, gewann der Club den Uefa-Pokal – da kann die Begeisterung schon einmal überschwappen.

Direkt nach dem Abpfiff, der mit einem ohrenbetäubenden Jubel der 45 000 Eintracht-Anhänger gefeiert wurde, stürmten aus der Nordwestkurve immer mehr Fans in den Innenraum. Eine Bande hinter dem Tor fiel auf den Boden – und als seien sie selbst erschrocken, blieb diese umgefallene Bande die Grenze, die die Ultras der Eintracht nicht überschritten. Die Bande wurde ­wieder aufgestellt, und die Feier ging dahinter weiter. Die harten Fans der Eintracht bremsten sich in letzter Sekunde und verhinderten so einen Platzsturm, der womöglich schlimme Folgen gehabt hätte.

Schließlich spielt der Club nach etlichen Verfehlungen einiger seiner Anhänger auf Bewährung. Aber die Uefa drückte schon nach Raketen aus dem Eintracht-Block beim Auswärtsspiel bei Inter Mailand beide Augen zu und sah von einer Sperre der Fans für Auswärtsspiele ab. Der Kontinentalverband kann auf diese Bilder und diese Begeisterung, wie sie bei Spielen der Eintracht in der Europa League zu sehen sind, nicht verzichten. Kein Verein nimmt den Wettbewerb so begeistert an wie Eintracht Frankfurt, längst letzter Vertreter des deutschen Fußballs in Europa.

Nun wartet im Halbfinale der FC Chelsea aus London, und Sportvorstand Fredi Bobic sagt: „Es wird immer härter, aber es macht auch immer mehr Spaß.“ Chelsea ist der bislang größte Gegner. Aber die Eintracht hat Selbstvertrauen. Trainer Adi Hütter meint, Chelsea sei zwar der Favorit im Halbfinale, „aber ich weiß auch, was in meiner Mannschaft steckt“.

Dieser Elf und diesen Fans ist in dieser Europapokalsaison vieles, ja alles zuzutrauen. In der Vorrunde gewann die Eintracht ­alle Spiele gegen Limassol, Lazio Rom und Olympique Marseille. Und in der K.-o.-Phase schaltete sie nun nach Schachtar Donezk und Inter Mailand in Benfica Lissabon auch den dritten Großclub aus, der die Saison in der Champions League begonnen hatte. „Dass wir auf diesem Niveau mithalten können, macht mich stolz. Wenn das Licht hier angeht und diese Hymne gespielt wird, fühlen sich die Spieler, als wären sie in einen Zaubertrank gefallen“, schwelgte Vorstand Axel Hellmann und stellte stolz klar: „Die berühmte Bella Figura werden wir auch gegen Chelsea nicht geben.“

Heißt übersetzt: Nur dabei zu sein ist für diese Eintracht nicht mehr alles. Das Weiterkommen gegen Benfica kam zwar etwas glücklich zustande, war aber nicht unverdient. Beim 1:0 (36.) stand Torschütze Filip Kostic klar im Abseits. Die Portugiesen beschwerten sich völlig zu Recht, forderten den Videobeweis, doch den gibt es in der Europa League erst im Finale – ein bizarrer Fakt. Warum gilt im Finale eine neue Regelung, die im Wettbewerb bis dahin nicht galt? Dass am Tag vorher die Champions-League-Partie zwischen Manchester City und Tottenham Hotspur per Videobeweis entschieden wurde, stachelte den Ärger von Benfica womöglich nur noch mehr an. So wurde Trainer Bruno Lage nach seinen Beschwerden vom Schiedsrichter auf die Tribüne verbannt.

Die Elf der Eintracht zeigte wieder einmal einen beeindruckenden inneren Antrieb. Im Kader der Frankfurter gibt es zwar Profis aus 17 Nationen, aber die Mannschaft vermittelt einen Teamgeist, als seien alle Spieler im selben Dorf aufgewachsen und hätten ihre Kindheit zusammen auf dem Bolzplatz verbracht. In den entscheidenden Duellen waren die Frankfurter immer eine Zehenspitze eher am Ball. Das 2:0 durch einen schönen Schuss von Sebastian Rode (67.) war nur noch einmal gefährdet, als Eduardo Salvio den Pfosten traf (85.).

Sinnbildlich für die Widerstandskraft der Eintracht stand Abwehrspieler Simon Falette: Drei Monate lang war er außen vor, nun wurde er gebraucht, weil Evan N’Dicka nach seiner Roten Karte im Hinspiel gesperrt war und die Winterverpflichtungen Martin Hinteregger (verletzt) und Almamy Toure (nicht gemeldet) ausfielen. Plötzlich mutierte Falette vom Statisten zum gefeierten Helden, der ebenso wie Stürmer Ante Rebic ein Sonderlob von Trainer Hütter bekam. Rebic war tatsächlich in Topform. Und an so einem Tag ist der Kroate ein Spieler, der mit dem Kopf durch die Wand will – und das auch schafft. Im Hinspiel gegen Chelsea ist er allerdings gelbgesperrt.

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Erstellt:
23. April 2019, 10:18 Uhr

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