Der Stuttgarter Künstler Abi Shek stellt im Backnanger Helferhaus aus

Ab Sonntag wird im Backnanger Helferhaus die Ausstellung „Tier&wir“ des Stuttgarter Künstlers Abi Shek gezeigt. Die Holzschnitte und Zeichnungen bedienen sich einer stark reduzierten Formsprache und eröffnen zugleich vielschichtige Deutungsräume.

Abi Shek ist in Israel in einem Kibbuz, einer Art landwirtschaftlich geprägten Kommune, aufgewachsen. Sein Kulturbegriff und sein Bezug zu Mensch und Tier sind davon beeinflusst. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Abi Shek ist in Israel in einem Kibbuz, einer Art landwirtschaftlich geprägten Kommune, aufgewachsen. Sein Kulturbegriff und sein Bezug zu Mensch und Tier sind davon beeinflusst. Foto: Alexander Becher

Von Kai Wieland

Backnang. „Kultur ist nicht nur, ins Museum zu gehen“, betont Abi Shek. „Kultur ist alles, was wir tun, unsere Kleidung, was wir hier und jetzt miteinander sprechen. Wenn die Menschen rausgehen und ein Getreidefeld sehen, fühlt sich das für sie oft nach Natur an, aber auch das ist Teil unserer Kulturlandschaft.“ Der Mensch sei das einzige Lebewesen, welches seine Umwelt derartig präge und verändere, so der 58-Jährige. „Als Künstler spüre ich eine Verantwortung, mich an dieser Kultur zu beteiligen.“

„Tier&wir“ heißt die Ausstellung, welche ab Sonntag im Backnanger Helferhaus Werke des in Rehovot in Israel geborenen Abi Shek präsentiert. Von einem menschlichen Wir ist auf den ersten Blick allerdings wenig zu erkennen. Die Holzschnitte und Zeichnungen des Stuttgarters zeigen ausnahmslos Darstellungen von Tieren, oftmals mit einem ebenfalls tierischen oder allenfalls pflanzlichen Mit- oder Gegenspieler. Die schwarzen und blauen Formen auf weißem Grund wirken reduziert und bisweilen fast kindlich. „Besucher sagen mir manchmal, dass die Werke spontan aussehen, was mich freut“, erzählt Abi Shek schmunzelnd. „Tatsächlich sind sie das genaue Gegenteil. Sie sind durchkomponiert, ich arbeite oft monatelang daran.“

Im Kontrapunkt der Techniken

Dass hinter den Werken mehr Konzeption steckt, als es zunächst den Anschein hat, verraten bereits die verwendeten Techniken. „Alles, was auf den Leinwänden schwarz ist, ist gedruckt“, erklärt Abi Shek. „Alles, was blau ist, ist gezeichnet.“ Es handelt sich also um die Begegnung zweier Herangehensweisen in einem weißen Raum. Und diese könnten kaum unterschiedlicher sein, findet der Künstler. Beim Holzschnitt, einem Hochdruckverfahren, nähere er sich dem fertigen Bild Schritt um Schritt an, könne immer wieder korrigieren und verfeinern. Beim Zeichnen indessen sei der Strich auf dem Papier und damit in der Welt. „Für mich ist das Zeichnen das Schwierigste überhaupt. Es ist Konzentrieren und gleichzeitiges Loslassen.“

Beide Techniken stünden ist seinen Werken für sich, meint Abi Shek. „Der gedruckte Vogel funktioniert auch ohne die gezeichnete Schlange und umgekehrt. Gemeinsam ergeben sie aber etwas völlig Neues.“ Im Gesamtarrangement und in der Positionierung der Bildelemente komme dem Weißraum dabei eine ebenso große Bedeutung zu wie den Formen selbst – „Es ist Millimeterarbeit.“

Sein Interesse am Holzschnitt war es auch, das Abi Shek, der aus einem künstlerischen Elternhaus stammt, im Alter von 24 oder 25 Jahren nach Deutschland führte. „In unserer Familie gibt es eine Tradition in der Arbeit mit dieser Technik“, erklärt er. Nach dem Militärdienst lockte es den jungen Künstler zum Studium ins Ausland. „Eine Möglichkeit war Japan, das bekannt ist für den Holzschnitt. Und die andere war eben Süddeutschland.“ Seine Verbindung nach Israel ist dabei aber gerade in künstlerischer Hinsicht nie abgebrochen. „Zweimal im Jahr muss ich einfach hin, um sozusagen den Finger in die Steckdose zu stecken“, sagt er lachend. „Für mich ist es sehr wichtig, dort zu sein, und ich denke, das sieht man meiner Arbeit auch an.“

Weitere Themen

Abi Shek, der betont, keine politische Kunst zu machen, bezieht sich hierbei mitnichten auf die Farbgestaltung seiner Werke, welche oberflächlich an die israelische Flagge erinnert. Vielmehr bewegt er sich mit seinen reduzierten Formen in einer archaischen Bildsprache, die Assoziationen an Hieroglyphen oder gar Höhlenmalereien weckt. „Sie könnten natürlich genauso auf Altamira, Ägypten oder Norwegen verweisen“, meint der Künstler, der seine Inspiration häufig aus der Archäologie und Geschichte bezieht – und eben das ist der Punkt. „Wenn man sich Kinderzeichnungen aus aller Welt anschaut, sind sie völlig unabhängig von der jeweiligen Kultur bis zu einem gewissen Alter überall sehr ähnlich“, erklärt er. Erst später differenzierten sich diese aus. „Es ist eine solche Formsprache, die alle in sich tragen und die ich ansprechen will.“

Vorurteile unter den Menschen

Und wo bleibt nun der Mensch bei alledem? Er ist in gewisser Hinsicht in jedem Bild präsent. „Ich mache keine Tierstudien“, betont Abi Shek, der in Israel in einem Kibbuz, also einer Art landwirtschaftlich geprägten Kommune, aufgewachsen ist und so von klein auf ein enges Verhältnis zu Tieren pflegte. Dennoch sind sie in seiner Arbeit vor allem ein Mittel. „Das habe ich nicht erfunden. Es ist eine uralte Methode, um etwas über die Menschen zu sagen.“ Das sei hilfreich, um die vielen Vorurteile zu umgehen, die Menschen übereinander hegten. Wird ein Mensch in der Kunst dargestellt, ist er für den Betrachter sogleich ein Mann oder eine Frau, ist schwarz oder weiß – „ein Vogel ist eben nur ein Vogel“, so Abi Shek.

Und dennoch bieten seine Werke viel Spielraum, um die Gedanken schweifen zu lassen. „Was passiert an dem Punkt, an dem sich Schlange und Vogel begegnen? Bekämpfen sie sich? Küssen sie sich?“, fragt der Künstler, freilich ohne selbst eine Antwort zu geben. „In Israel gibt es einen Vogel, der gezielt Schlangen jagt. Sie sind überhaupt interessante Gegensätze, sie stehen für Himmel und Boden.“ Davon ausgehend führen seine Assoziationen zur Schöpfungsgeschichte. So sei der Name Eva im Hebräischen identisch mit dem Wort für Farm: Hava.

Abi Sheks Werke öffnen einen großen Resonanzraum, der tief in die Kultur- und Menschheitsgeschichte hineinreicht. Zugleich sprechen einen die roh anmutenden Darstellungen von Vögeln, Rindern, Schlangen und Rehen auf einer anderen, ganz unmittelbaren Ebene an. Ganz egal, auf welcher davon man sich den zumeist titellosen Darstellungen letztlich nähert, eine menschliche Empfindung entlocken sie dem Betrachter allemal.

Ausstellung Die Ausstellung dauert vom 25. Februar bis 7. April, die Vernissage mit einer Einführung von Katja Ritter findet am kommenden Sonntag um 11.30 Uhr statt. Die Finissage mit Künstlergespräch beginnt am 7. April um 16 Uhr. Das Helferhaus ist von Dienstag bis Freitag von 16 bis 19 Uhr, samstags von 11 bis 18 Uhr und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt zur Ausstellung und zu den Veranstaltungen ist frei.

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Erstellt:
23. Februar 2024, 16:00 Uhr

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