Geübt im Kampf gegen Seuchen

Die zuständigen Stellen im Rems-Murr-Kreis wollen gewappnet sein, wenn die in Sachsen und Brandenburg grassierende Afrikanische Schweinepest Baden-Württemberg erreichen sollte. Deshalb wird nun der Ernstfall geprobt.

Mit einem Elektrozaun wird der Fundort eines an der Afrikanischen Schweinepest erkrankten Wildschweins umzäunt, sollte ein solcher Ernstfall im Rems-Murr-Kreis auftreten. Foto: G. Habermann

© Gabriel Habermann

Mit einem Elektrozaun wird der Fundort eines an der Afrikanischen Schweinepest erkrankten Wildschweins umzäunt, sollte ein solcher Ernstfall im Rems-Murr-Kreis auftreten. Foto: G. Habermann

Von Wolfgang Gleich

KAISERSBACH. Die Afrikanische Schweinepest hat Deutschland erreicht. Von Polen aus überquerte die Seuche im vergangenen Jahr die Grenze und grassiert seitdem in Sachsen und Brandenburg. Dort wurden mittlerweile mehr als 1300 Fälle registriert. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch Baden-Württemberg erreicht hat“, prognostizierte am Donnerstag im Pressegespräch Thomas Pfisterer, der das Veterinäramt des Rems-Murr-Kreises leitet.

Um für diesen Moment gewappnet zu sein, probte das Landratsamt des Rems-Murr-Kreises in den vergangenen Tagen den Ernstfall. Im Zentrum der Übung stand dabei die Zusammenarbeit zwischen dem Dezernat für Forst, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Vermessung, Veterinäramt, Jagdamt und Straßenbauamt mit den zuständigen Landes- und Bundesbehörden sowie den Gemeinden. „Der Kreis kann Krise“, betonte dabei Gerd Holzwarth, der als Dezernent für Forst, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Vermessung die Leitung der Übung übernommen hatte. Dies habe man erst jüngst bei der erfolgreichen Bekämpfung der Geflügelpest unter Beweis gestellt, als diese im Kreisgebiet auftrat. Mit professioneller Unterstützung und dank dem aktiven Mitwirken der Geflügelhalter sei es gelungen, sie schnell und effektiv in den Griff zu bekommen.

Die Kaisersbacher Bürgermeisterin Katja Müller ist gespannt auf die Erkenntnisse aus der Übung.

Im Rahmen dieser Übung errichteten am Mittwoch Mitarbeiter der Straßenmeisterei in einem Waldstück in Kaisersbach an Glasfaserstäben und Holzpfosten einen rund einen Kilometer langen, vierlitzigen Elektrozaun. Das Land Baden-Württemberg hat zwei jeweils 40 Kilometer lange derartige Zäune angeschafft, mit denen im Ernstfall der Fundort eines an der Afrikanischen Schweinepest verstorbenen Wildschweins im Radius von drei Kilometern abgesperrt werden könne, um so die weitere Ausbreitung zu verhindern. Der für den Übungsaufbau gewählte Standort habe sich angeboten, da es sich um ein Stück Staatswald handelt, das an einer Straße und einem gut befahrbaren Waldweg liegt. Dies erleichterte demnach auch den Einsatz von schwerem Gerät, um die Zauntrasse vorher von Gras und Unterholz zu befreien. Sie sei neugierig darauf, wie die Übung ablaufe und zu welchen Erkenntnissen sie führen werde, bemerkte die Kaisersbacher Bürgermeisterin Katja Müller. Schließlich liege Kaisersbach in einem Gebiet, in dem viele Wildschweine lebten. Es bereite aber auch ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man auf einen möglichen Ernstfall gut vorbereitet sei.

Die Afrikanische Schweinepest gilt als gefährliche Seuche, erklärte Pfisterer. Sie sei anzeigepflichtig und müsse gemäß der Schweinepestverordnung durch die Veterinärbehörden bekämpft werden. Die Seuche werde durch ein Virus verbreitet, das für den Menschen oder andere Tierarten ungefährlich sei. Übertragen werde es durch den direkten Kontakt der Tiere untereinander, dadurch, dass sie das Fleisch von Artgenossen verzehren, die an der Krankheit verendet sind, oder dass sie verseuchte Fleischwaren fressen, die von Menschen weggeworfen wurden.

Martin Röhrs, der Leiter des staatlichen Forstbezirks Schwäbisch-Fränkischer Wald, wies auf die schwerwiegenden Folgen der Seuche hin. Sie brachte Ausfuhrverbote für deutsches Schweinefleisch mit sich, der bisherige Hauptabnehmer China hat die Einfuhr von deutschem Schweinefleisch verboten. Bei Ausbruch der Seuche in einem Betrieb, in dem Hausschweine gehalten werden, müsste der gesamte Bestand getötet werden. Darüber hinaus müssten Land- und Forstwirtschaft mit Ernteverboten für Mais und Holz rechnen, die Öffentlichkeit mit Betretungsverboten für den Wald. „Also kein Joggen, kein Mountainbiking, kein Erholungsspaziergang“, so Röhrs.

Welche Folgen diese Einschränkungen für jedermann haben würden, könne man angesichts von Egoismus und Unvernunft unter den Menschen bei den aktuellen Coronabeschränkungen miterleben. Als vorbeugende Maßnahme habe seine Behörde zehn Wildverwahrstellen eingerichtet, bei denen verstorbene und durch Unfälle umgekommene Tiere, aber auch die Innereien von geschossenen Wildschweinen abgeliefert werden können, damit sie auf das Virus untersucht werden können. Mit den Jägern und Privatwaldbesitzern stehe man selbstverständlich in ständigem Austausch. Eine weitere wichtige Maßnahme sei das intensive Bejagen des Wildschweinbestands, bei dem teilweise auch unkonventionelle Lösungen zum Einsatz kommen, etwa der Einsatz von Nachtsichtgeräten oder Arbeitsjagden anstatt der durch die Coronabeschränkungen verbotenen Drückjagden.

Die Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest werde ein Marathonlauf, bei dem man zunächst schnell und effektiv handeln, dann aber Ausdauer und Durchhaltevermögen entwickeln müsse, beschrieb Gerd Holzwarth die Herausforderung. Dass der Erfolg möglich sei, habe sich bei der Fuchstollwut erwiesen, die im Rahmen einer flächendeckenden Impfaktion letztlich ausgerottet werden konnte.

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Erstellt:
10. Juli 2021, 06:00 Uhr

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