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Herr mit Haltung

Kai Maertens beeindruckt in „Tabu“ im Alten Schauspielhaus

Bühne - Bei einem doppelten Espresso im Café am Marienplatz berichtet Kai Maertens, wie er seine Tage in Stuttgart verbringt, was ihn am Theater und Fernsehen missfällt und warum er in der Branche als schwierig gilt.

Stuttgart Der Schauspieler sitzt unterm Kastanienbaum, er trägt stahlblaue Turnschuhe, Anzug mit Weste, einen Hut auf dem Kopf. Neben ihm auf dem Bänkchen liegt seine Tasche mit Totenkopfmotiv. Er liest und macht sich Notizen, scheinbar unberührt von dem Getümmel am Marienplatz. Gruppenbild mit Künstler.

Ein Herr mit Stil, der schon in kurzer Zeit seines Hierseins die besten Ecken zum Lesen im Halbschatten (Marienplatz) gefunden hat, zum Salamikaufen (Markthalle), zum Fußballschauen (La Concha) und zum Feiern (Café Weiß). „Manche begrüßen mich schon mit Handschlag“, sagt Kai Maertens bei einem doppelten Espresso und einem Mineralwasser im Café Kaiserbau im Stuttgarter Süden, wiewohl er den Eindruck vermittelt, ohnehin schon sehr wach zu sein. „Ich kann hier Sachen machen – auch tagsüber ins Kino gehen zum Beispiel –, zu denen ich in Hamburg nicht komme. So viel Tagesfreizeit zu haben, da lernt man sich noch einmal neu kennen.“ In seiner freien Zeit bereitet er sich außerdem auf eine Robert-Gernhardt-Lesung vor und liest gerade einen Roman von Fred Vargas.

Abends ist er zurzeit im Alten Schauspielhaus zu erleben, er spielt den Anwalt in„Tabu“ von Ferdinand von Schirach. In dem von Eva Hosemann zu einem Drama umgeschriebenen Roman wird ein Künstler des Mordes bezichtigt, er behauptet aber hartnäckig, es nicht getan zu haben. Gerade weil alle Indizien gegen ihn sprechen, übernimmt ein renommierter Anwalt, der eigentlich in Kur sein sollte, den Fall. Ohne zu viel zu verraten: Er findet bei der Suche nach Entlastungsmaterial für seinen Mandanten Erstaunliches heraus.

Kai Maertens gelingt das Kunststück, sämtliche Schwächen des Textes vergessen zu machen. Er hat eine Präsenz und eine Spiellust, die sich auch auf den krimimuffeligsten Zuschauer überträgt, und die ihn aufmerksam verfolgen lässt, wie sich dieser bizarre Fall auflöst. Schon die ersten Szenen – der Anwalt weilt gerade auf Kur – sind amüsant; fröhlich pafft er, stößt Rauchwolken in die Luft und hält den gesundheitsbeflissenen Kurgästen eloquent einen Vortrag darüber, warum die Natur durchaus nicht klüger sei als der Mensch.

Manchmal genügen ironisches Augenbrauenhochziehen, ein fragender Blick, um die Haltung des Anwalts klarzumachen. Maertens gibt nicht vor, nicht zu wissen, dass er seine Arbeit ziemlich gut macht. Er erzählt dennoch, wie ihn das Publikum schon mal mit Applaus erschreckt habe – „ich habe mich gerade so ganz eitel, uneitel tuend, auf die Bühne geschlichen, da macht es plötzlich heftig ‚Bravo!‘. Darauf war ich nicht vorbereitet, freue mich aber natürlich sehr.“

Demnächst wird er unter der Regie vonKatharina Thalbacham Renaissance-Theater Berlin „Orientexpress“ proben, außerdem inszeniert er selbst, gibt angehenden Schauspielern Unterricht an einer privaten Schule in Hamburg, oder er dreht fürs Fernsehen: Fernsehspiele und Serien wie „Sterne des Südens“,„Tatort“, „Der Landarzt“ oder „Soko Wismar“. Aktuell hatte er eine der Hauptrollen in den ZDF-Ostfrieslandkrimis. Kai Maertens spielt den Kripochef, Christiane Paul die Ermittlerin . „Es gibt Sachen, da sage ich, das muss man nicht gesehen haben. Die Ostfrieslandfilme sind richtig spannend, beinahe Arthouse.“

Bei den Arbeiten entscheide er nach Interesse, sagt er. Wer wählerisch ist, muss in Kauf nehmen, für manche Projekte nicht gefragt zu werden. „Ich gelte als schwierig, weil ich anstrengend bin“, vermutet Kai ­Maertens. „Bin ich auch. Weil ich immer das Beste will. Es geht mir nicht um Eitelkeiten. Dazu gehört dann auch, eine Szene noch einmal zu wiederholen. Die Sender haben immer enger getaktete Drehzeiten, das macht das Ergebnis oft nicht besser.“

Allerdings seien wirtschaftliche Zwänge auch am Theater sichtbar: „Die Ensembles werden immer kleiner und jünger. Irgendwann komme ich nicht mehr mit, wenn ich zweimal hintereinander sehe, wie ein 35-Jähriger den Vater eines 28-Jährigen spielt.“

Mit seiner Fernsehkarriere schlägt der Künstler einen etwas anderen Weg ein als seine Familie.

Kai Maertens ist Teil einer veritablen Theaterdynastie. Sein Vater Peter Maertens ist lange Jahre am Thalia-Theater engagiert gewesen, die Großeltern Willy ­Maertens und Charlotte Kramm waren auch beide Schauspieler, der Großvater außerdem Intendant am Thalia-Theater Hamburg. Die GeschwisterMichaelund Miriam spielen ebenfalls Theater. „Eine Zeit lang war neben mir und meinem Vater auch Michi engagiert. Da konnte niemand ungestört über die Maertens lästern, weil immer einer von uns dabeisaß“, sagt er und lacht.

Auch wenn sie äußerlich eher wenig Ähnlichkeiten haben – an der Sprachmelodie, am Hang zum Ironischen, zuweilen Gezierten bemerkt man Familienähnlichkeiten. Anders als der Bruder, der am Wiener Burgtheater engagiert ist, verbrachte Kai Maertens nur wenige Jahre im festen Engagement, in Osnabrück und amThalia-Theater. „Ich habe mit Leuten gearbeitet wie etwa Jürgen Gosch, mit George Tabori und Jürgen Flimm. Aber ich hatte nicht die Rollenangebote, die ich mir gewünscht hätte“, sagt Maertens. Auf den erstaunten Blick, weil man ihm durchaus Hauptrollen auf großen Bühnen zutrauen würde, lächelt er. „Ich bin kein verkanntes Genie. Ich bin mit den Jahren aber besser geworden.“

Theater sei ohnehin nicht sein erstes Berufsziel gewesen. „Ich wollte einen sozialen Beruf lernen, doch während des Zivildienstes merkte ich, da liegt nicht meine Begabung“, sagt Maertens. Er sei viel gereist und als junger Mensch politisch „am äußerst linken Rand“ engagiert gewesen, wie er sagt, „bei den Morden der RAF an Unschuldigen allerdings – da war es vorbei“.

Das kritische Bewusstsein ist geblieben. „Wenn man sich auf sozialen Netzwerken umsieht oder Talkshows anschaut“, sagt Kai Maertens, „dann denke ich mir, mag sein, dass das schlimm ist für dich, aber auf der Rangliste der größten Probleme eher auf Platz 9075. Wir brauchen ein besseres Bewusstsein für die Reihenfolge der Probleme. Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel halte ich für ein gravierendes Problem, und auch die verdreckte Luft und die Art, wie wir mit dem Planeten umgehen – das ist peinlich für die Menschheit.“

Spricht’s, lächelt, nimmt seinen Hut und geht ins Theater. Die Vorstellung beginnt in Kürze.

Der Bruder des Schauspielers ist am Wiener Burgtheater engagiert

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Erstellt:
11. April 2019, 03:14 Uhr

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