Neue Ausstellung im Backnanger Murrpott

Mit der neuen Ausstellungsreihe „Utopoesie“ wollen die Künstler Fabian Baur, Barbara Kastin und Norbert Kempf Kunstschaffende zur Auseinandersetzung mit Räumen in der Stadt einladen. In der ersten Ausstellung „Grubenhaus“ stellen sie sich und das Konzept der Reihe vor.

Fabian Baur, Norbert Kempf und Barbara Kastin (von links) haben die neue Ausstellungsreihe initiiert. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Fabian Baur, Norbert Kempf und Barbara Kastin (von links) haben die neue Ausstellungsreihe initiiert. Foto: Alexander Becher

Von Kai Wieland

Backnang. Es tut sich wieder etwas im Westen Backnangs. Seitdem das im Hinblick auf die Stadtentwicklung lange vernachlässigte Quartier als Teil der IBA27 mehr Aufmerksamkeit erhält und mit dem Murrpott sogar die zweite Spielstätte des Bandhaus-Theaters beheimatet, sind kulturelle Schmankerl dort keine Seltenheit mehr (wir berichteten). Mit der Eröffnung der Ausstellung „Grubenhaus“ in besagtem Murrpott heute Abend gibt es einen weiteren Grund, die Fabrikstraße entlang zu flanieren, die zielsicher auf das Kaess-Areal, eine ehemalige Lederfabrik, zuführt. Die sechstägige Ausstellung im Murrpott, einst tatsächlich der Ort, an dem Kuhhäute zum Gerben in zwei Meter tiefe Gruben gelegt wurden, ist der Auftakt der neuen Ausstellungsreihe „Utopoesie“.

„In dem Namen stecken die Worte Topos, also Ort, Utopie und Poesie. Drei Dinge, die uns für die Reihe wichtig sind“, erklärt Fabian Baur, der zusammen mit dem Backnanger Bildhauer Norbert Kempf und der Künstlerin Barbara Kastin die Reihe initiiert hat. Zum Auftakt wollen die drei das Konzept von „Utopoesie“ und sich selbst vorstellen, danach den Staffelstab aber möglicherweise weitergeben. „Die Reihe startet mit uns, aber dann wollen wir gerne auch etwas in den Hintergrund rücken“, sagt Fabian Baur. Soll heißen: Für zukünftige Ausstellungen, die den Initiatoren zufolge am besten einmal im Quartal stattfinden sollen, sind auch Gastkünstlerinnen und -künstler gerne gesehen.

Auf der Suche nach spannenden Orten

Überhaupt gehört Offenheit bei „Utopoesie“ zum Prinzip. Welche Künstler bei der zweiten Ausstellung, die von 3. bis 12. Mai nur wenige Meter entfernt im Kesselhaus auf dem Kaess-Areal stattfinden soll, involviert sein werden, ist noch völlig unklar. „Vielleicht gibt es auch gar keinen Gastkünstler“, sagt Norbert Kempf, man werde sehen. Selbiges gilt für die zukünftigen Ausstellungsräume. Dass die ersten beiden Aktionen auf dem Kaess-Areal stattfinden, ist zwar kein Zufall, jedoch auch kein unumstößliches Prinzip. „Der ursprüngliche Gedanke war tatsächlich, die Leerstände hier auf dem Areal zu füllen und damit auch ein Stück weit den Weg zur IBA künstlerisch zu begleiten“, erklärt Baur. Zwar gebe es keine Verbindung zur Bauausstellung oder zum offiziellen Programm, aber in gewisser Weise hänge eben doch alles auf die eine oder andere Weise mit der IBA zusammen, ergänzt Norbert Kempf. „Dass hier aktuell überhaupt so etwas stattfinden kann und es diese Räumlichkeiten gibt, liegt ja letztlich an der IBA.“ Für Barbara Kastin, die im vergangenen Sommer bereits eine Begleitausstellung zur IBA namens „Jemandsland“ im Helferhaus präsentiert hat, ist es eine Weiterführung ihrer Auseinandersetzung mit dem Areal. „Meine erste Arbeit war eine Annäherung, ich habe alles sehr vorsichtig und eher von außen betrachtet. Hier habe ich jetzt die Möglichkeit, mich auch mit den Räumen zu beschäftigen und die Kontakte mit den Menschen, die hier arbeiten, aufzunehmen.“

Zukünftige Veranstaltungen seien jedoch auch außerhalb des Quartiers West denkbar. Wie die Initiatoren feststellten, gibt es auf dem Areal, so abgeschieden es auf den ersten Blick wirkt, kaum Leerstände, zumindest nicht im Erdgeschoss. Stattdessen haben sich zahlreiche Unternehmen, Handwerksbetriebe und beispielsweise auch eine Kampfkunstschule angesiedelt. „Utopoesie“ könne aber ebenso gut an jedem anderen Ort stattfinden, so Norbert Kempf.

Weitere Themen

Möglicherweise im TOM? Wir erinnern uns: Der von Norbert Kempf gestaltete Schichtbetonbau am Bahnübergang in der Spinnerei war einst als Ort der Symbiose von Kunstausstellungen und Gastronomie gedacht, wurde im vergangenen Sommer nach einer letzten Ausstellung – übrigens von Fabian Baur – aber mangels eines geeigneten Pächters an eine Marketingagentur vermietet (wir berichteten). „Im TOM wird es wohl keine Ausstellung geben“, verneint Kempf. „Ich sehe es aber schon ein Stück weit als Fortführung der Aktionen im TOM“, fügt er dann hinzu und verweist schmunzelnd auf die Einladung, auf der gut versteckt nach etwas aufmerksamem Suchen sogar der winzige Schriftzug „Für Tom“ zu lesen ist. Auch Barbara Kastin, die einen besonderen Bezug zum Kaess-Areal hat und guten Kontakt zu Wolfgang Kaess pflegt, ist für andere Schauplätze offen. „Unbedingt“, betont sie. „Ich bin immer auf der Suche nach besonderen Orten in Backnang, frage, was dort gewesen ist und was davon heute noch sichtbar ist.“

Alle Phasen sind von Bedeutung

Die Ausstellung „Grubenhaus“ zeigt Werke der drei beteiligten Künstler, die teils aus deren Fundus stammen und teils vor Ort entstanden sind, dazu kommen noch passende Exponate aus dem Technikforum. „Langfristig soll es bei den Aktionen weniger darum gehen, dass ein Künstler einfach sein Werk präsentiert, sondern die Arbeit mit dem jeweiligen Raum steht im Vordergrund“, erklärt Fabian Baur. Dabei gehe es nicht nur um die historische Komponente, betont Norbert Kempf, auch wenn diese auf dem Kaess-Areal sehr präsent ist. „Jede Phase ist wichtig, wir untersuchen die Räume in jeder Hinsicht.“ Natürlich spiegelt sich in der Ausstellung daher das industrielle Erbe des Grubenhauses, aber auch die zwischenzeitliche Nutzung als Büro und die aktuelle als Theater ist eingebunden worden. „Wir haben noch mehr Theaterpodeste geholt, auch um die Bühne sozusagen für die Besucher zu öffnen“, sagt Fabian Baur. Von der Decke hängender Moltonstoff dient der Fokussierung des Lichts, an die Bürovergangenheit erinnern Trennwände und eine Grube findet sich selbstverständlich auch. „Idealerweise gehen wir mit dem Material um, das wir vor Ort haben“, sagt Baur. Verwendet und spielerisch eingebunden werden soll also, was ohnehin vorhanden ist. „Am liebsten hätten wir zum Beispiel die Gruben des alten Grubenhauses genutzt, die ja noch im Boden sind. Aber wir konnten hier natürlich auch nicht den Boden aufreißen“, so Kempf.

Allerdings erstreckt sich das Konzept nicht nur auf die Exponate und die Raumgestaltung, sondern auch die Menschen, die aktuell an den jeweiligen Orten wirken, sollen einbezogen werden. So stehen Auftritte der Bläserphilharmonie, welche den Murrpott regelmäßig als Probeort nutzt, auf dem Programm, und bei der Aktion im Mai sollen die Rondos, Backnanger Schleuderbrettakrobaten, mitwirken.

Ausstellung Die Auftaktausstellung „Grubenhaus“ der neuen Reihe „Utopoesie“ wird am heutigen Freitag im Murrpott (Fabrikstraße 76i) eröffnet und dauert bis Mittwoch, 13. März. Die Vernissage mit einer Einführung von Ernst Hövelborn und dem Trompetenquartett der Bläserphilharmonie beginnt um 19 Uhr. Am Sonntag, 10. März, ist um 15 Uhr das Klarinettenensemble der Bläserphilharmonie zu Gast, die Räume sind von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Die Besichtigung ist außerdem am Mittwoch, 13. März, von 10 bis 18 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung mit Norbert Kempf (Telefon 0152/04934675) oder Fabian Baur (Telefon 0152/57000836) möglich.

Zum Artikel

Erstellt:
8. März 2024, 16:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Kultur im Kreis

Neue Ausstellung von Eckhard Froeschlin im Backnanger Helferhaus

Ab Sonntag sind im Backnanger Helferhaus Radierungen, Aquarelle und Bücher von Eckhard Froeschlin zu sehen. Darunter sind Montagen, welche zwiespältige Figuren der Literaturgeschichte wie Louis-Ferdinand Céline, Jorge Luis Borges und Martin Heidegger porträtieren.

In der Jugendmusik- und Kunstschule im Backnanger Bandhaus arbeiten Lilly Becker (rechts) und Biggi Binder (links) gemeinsam an einem neuen Song. Foto: Tobias Sellmaier
Top

Kultur im Kreis

Vom Bandhaus auf die große Bühne: Backnangerin bei „The Voice Kids“

Lilly Becker aus Backnang hat mit gerade mal elf Jahren bereits ihren ersten großen TV-Moment erlebt. In der Sat-1-Sendung „The Voice Kids“ überzeugte sie mit ihrer reichen Stimme und dem Song „I wish“ von Stevie Wonder. Unterstützt wird sie von ihrer Gesangslehrerin Biggi Binder.